KI-Musik auf Spotify & Co.: Warum sie ein Problem ist und wie du sie blockieren kannst

16. Januar 2026

Neulich ist mir in einer Playlist ein Song begegnet, den ich im ersten Moment einfach als solides Lied durchgewunken hätte. Eingängiger Pop, glatt produziert und unkompliziert. Dennoch wurde ich schon binnen des ersten Durchlaufs stutzig: Der Track hatte Stellen, die seltsam klangen – etwas flach, zum Teil sogar mit einem merkwürdigen „Effekt“ auf der Stimme. Es war nicht dieses klassische „schlecht produziert“-Gefühl, sondern eher so, als hätte man sich den Song anhand eines standardisierten Baukastens zusammengesetzt.

Aus meiner ersten Verwirrung heraus habe ich erst einmal das Profil des Artists aufgerufen und es mir ein wenig genauer angeschaut: das Headerfoto zeigte einen Typen mit einer Akustikgitarre, in so schlechter Qualität und so lieblos, dass es eher nach einem Platzhalter aussah. Es passte vor allem so überhaupt nicht zu der Musik, die ich gerade gehört hatte. Dazu kamen die Zahlen: relativ wenige monatliche Hörer*innen für Musik, die spontan erstmal so durchproduziert und massentauglich klang, dass sie locker mehr Leute anziehen dürfte. Diese Indizien sind für sich genommen natürlich kein handfester Beweis für irgendwas. Kleine Artists mit guter Produktion existieren. Trotzdem hat das erste Gesamtbild mein Gefühl nicht beruhigt, sondern meine Skepsis verstärkt.

Ich bin dann noch ein Stück weiter gegangen und hab mir auch das Instagram-Profil angeschaut: Dasselbe merkwürdige Foto, kaum Follower und Interaktion. In der Bio stand, dass er Producer ist. Okay, kann ja sein. Auf dem Profil fand ich ein paar Reels und die wirkten fast noch beliebiger als das Spotify-Profil. Generische Vorschaubilder, so Sachen wie Sternenhimmel und anderes Ästhetisches ohne großartigen Bezug zum Song. Und das Auffälligste: Jeder dort gepostete Songausschnitt klang komplett anders. Nicht nach „verschiedenen Facetten“, sondern nach einem Account, der einfach alles ausprobiert, ohne dass irgendwas davon so richtig zusammenhängt. Spätestens da war ich nicht mehr bei „merkwürdig produziert“, sondern bei einer anderen Frage: Was, wenn das gar kein normaler Artist ist, sondern ein KI-Projekt, das einfach so zwischen echter Musik mitschwimmt?

Ich habe dann noch etwas weiter gesucht und bin schließlich in einer Datenbank über einen Hinweis gestolpert, dass hier „neuartige Technologie“ im Spiel sei. Das war jetzt keine absolut klare Kennzeichnung von wegen „Ja, ist KI“, eher ein Ausweichen. Und genau das ist der Moment, an dem es für mich endgültig kippt: Nicht, weil irgendwo im Hintergrund KI als Tool genutzt wurde, sondern weil hier etwas als „Artist“ und „Release“ auftritt, das sich wie Musik anfühlt, aber eher nach dem Prinzip der Massenproduktion funktioniert und weil es sich dann auch noch in Playlists versteckt, in denen man eigentlich davon ausgeht, handgemachte Releases zu hören.

Was ich in diesem Beitrag mit „KI-Musik“ meine (und was nicht)

Wenn ich in diesem Beitrag von KI-Musik spreche, dann meine ich damit nicht jede Art von Technik, die in einem Studio oder dergleichen zum Einsatz kommt. Musikproduktion war schon immer technisch und ich erkenne an, dass diverse nützliche Tools und Plugins für Assistenz und Analyse auf Algorithmen aufbauen und zum Teil eben auch Machine Learning nutzen.

Mit diesem Beitrag meine ich explizit Songs, die komplett oder in großen Teilen generiert wurden und dann als „ganz normaler Release“ auf Plattformen landen. Dabei werden sie selten entsprechend markiert, sondern schwimmen als Musik neben handgemachten Releases mit.

Warum KI-Musik ein Problem ist

KI-Musik entsteht nicht aus dem Nichts. Sie basiert auf existierender Kunst und auf Entscheidungen, die Menschen über Jahre entwickelt haben.

Herkunft & Rechte bei KI-Songs

Oft bleibt unklar, ob das mit Einverständnis der Urheber*innen passiert ist und wer daran am Ende verdient. Ich höre es schon aus der letzten Reihe: Musik ist doch sowieso immer von anderer Musik inspiriert und wirklich original ist kaum noch etwas! Naja Lucas, das stimmt vielleicht zum Teil und ist trotzdem ist es nicht dasselbe. Bisher gab es zumindest Credits und Begriffe wie Interpolation und Sample und dazugehörige Regeln und Prozesse. Nicht selten landen auch Artists vor Gericht, weil jemand findet, sie hätten sich möglicherweise etwas zu stark von einem anderen Werk inspirieren lassen.

Bei KI-Musik ist dagegen oft kaum mehr nachvollziehbar, was konkret woraus entstanden ist und welche Quellen dafür genutzt wurden. Das hat dann weniger mit einer „normalen Weiterentwicklung von Musik“ zu tun, sondern vielmehr mit einem System, das sich bewusst den rechtlichen Grenzen entziehen möchte.

Unbändige Flut an KI-generierten Songs

Streaming-Plattformen funktionieren über permanente Releases und Empfehlungen. Wenn nun zusätzlich in kurzer Zeit massenhaft generierte Songs veröffentlicht werden, verändert das die Sichtbarkeit und Entdeckung neuer Musik: Für Hörer*innen wird es deutlich schwieriger, eine bewusste Entscheidung gegen KI-Musik und für reale neue Artists ohne KI-Einsatz zu treffen. Für Musikschaffende wird es noch schwerer als eh schon, überhaupt noch Reichweite aufzubauen.

Nun kann es helfen, wenn Plattformen KI-Musik wenigstens markieren. Deezer sagt zum Beispiel, dass KI-generierte Songs dort gekennzeichnet werden und nicht in Empfehlungen oder Editorial-Playlists auftauchen sollen. Aber selbst das löst das Grundproblem nicht: Eine Kennzeichnung funktioniert nur, wenn KI auch zuverlässig erkannt wird – oder wenn Uploads ehrlich deklariert werden. Und genau daran hängt’s. Bandcamp geht noch einen Schritt weiter und verbietet generative KI-Musik grundsätzlich: Musik oder Audio, die vollständig oder „zu einem wesentlichen Teil“ KI-generiert ist, darf dort nicht hochgeladen werden. Das klingt erstmal nach einer klaren Linie. Trotzdem bleibt es in der Praxis immer auch ein „Melden & Prüfen“-System. Heißt: Es wird weniger, aber es ist nicht automatisch unmöglich.

An der Stelle kommen dann auch immer die gleichen Reaktionen von KI-Fans um die Ecke und plärren Dinge wie: Wenn ihr echte Künstler seid, müsst ihr keine Angst haben“ oder Boomer haben Angst vor Fortschritt“. Nice Try, Yanik, nur geht das halt komplett am Punkt vorbei. Billige Nebelkerze. Es geht hier nicht um Angst oder Nostalgie. Es geht um Kennzeichnung, Rechte und Fairness. Darum, dass „Fortschritt“ kein Freifahrtschein ist, alles ungefragt zu verwerten, auf die kreativen Werke anderer zu spucken. Und darum, dass der millionste unnötige KI-Song nicht „harmloser Output“ ist, sondern ganz real Ressourcen frisst und damit unser aller Umwelt und Infrastruktur belastet.

KI-generierte Musik und ihre (un-)sichtbaren Kosten

Die Generierung von KI-Musik ist natürlich nicht gratis. Neben so üblichen Kosten wie Nutzungsgebühren der entsprechenden Plattformen und Lizenzierung kostet sie vor allem Rechenleistung, Energie und Infrastruktur.

Skalierung von KI-Musik

Meist entsteht nicht nur eine einzelne Variante eines Songs. Es braucht teilweise hunderte von Anläufen, bis ein zufriedenstellendes Endergebnis erreicht wird. Und wenn dem „Artist“ gerade danach ist, dann veröffentlicht dieser auch noch einmal mehrere Varianten davon. Wenn’s schnell genug geht, folgen natürlich weitere Songs. Und spätestens hier kann doch niemand mehr sagen, dass es sich bei KI nur noch um ein Tool handelt: Musik wird so leicht, schnell, billig und skalierbar hergestellt, dass am Ende schon nur noch aus Prinzip so viel wie möglich erstellt wird. Ein bisschen wie „Musik auf Wish bestellt“.

Der KI-Boom frisst sich in den Hardware-Markt

Das betrifft dann auch nicht nur die Musikstreaming-Plattformen, sondern auch den ganzen Technikmarkt. Rechenzentren sind echte Stromfresser und ihr Energiebedarf steigt seit Jahren immer weiter. Laut der Internationalen Energieagentur nimmt der Stromverbrauch von Rechenzentren seit 2017 jährlich um rund zwölf Prozent zu, KI gilt dabei als einer der Haupttreiber. Dazu kommt: Ein modernes Rechenzentrum mit 100 Megawatt kann pro Jahr ungefähr so viel Strom verbrauchen wie 100.000 Haushalte. Und das ist nur der Strom. Für die Kühlung wird auch noch viel Wasser benötigt.

Natürlich ist KI nicht das einzige Thema, das Energie verbraucht. Trotzdem bleibt die Frage, ob genau diese Art von Output wirklich das ist, wofür wir unsere wertvollen Ressourcen einsetzen sollten. Nur weil etwas möglich ist, heißt das nicht, dass es sinnvoll ist. Und genau so wirkt dieser KI-Output auf mich oft: wie eine Lösung, die ein Problem sucht. Viel davon ist am Ende einfach Datenmüll. Und da frage ich mich schon: Wollen wir wirklich, dass genau dieser Output der Grund ist, warum Infrastruktur, Strom und Hardware und letztlich unsere Umwelt immer weiter unter Druck geraten?

Inzwischen hat das Ganze ja auch längst messbare Nebenwirkungen außerhalb von Streaming-Plattformen. Der KI-Boom sorgt dafür, dass Hardware, die viele Menschen für ihre normalen Geräte brauchen, immer teurer wird. Und das passiert nicht etwa, weil plötzlich alle unbedingt bessere Musik machen wollen, sondern weil die Nutzungsmöglichkeiten von KI gerade am meisten Geld versprechen und den Leuten verstärkt das Denken und Dinge abnehmen, die vernünftig umgesetzt mit viel Aufwand verbunden sind.

KI-Musik ist längst Alltag – Und das mehr als dir vielleicht lieb ist

Vor ein paar Jahren wirkte KI-Musik noch wie ein spaßiges Gimmick. So ein typisches „haha hör mal, was man da so Lustiges machen kann“. Ein paar Leute probierten Tools aus, posteten das auf TikTok oder zeigten es in der Familie rum. Und das war’s dann auch schon.

Doch inzwischen fühlt es sich anders an: KI-Musik ist längst kein Sonderfall mehr, sondern ist zum ganz normalen Streaming-Produkt aufgestiegen. Sie steckt in Playlists, kommt über Empfehlungen und läuft einfach neben anderen Releases mit, als wäre Musik einfach nur Musik, komplett unabhängig vom Verlauf ihrer Erstellung.

Und genau da beginnt das eigentliche Problem: Wenn KI-Musik nicht klar als solche zu erkennen ist, dann ist es nicht mehr ein ich spiele damit mal aus Spaß ein bisschen herum und mache mich ein bisschen darüber lustig, sondern ein ich konsumiere es völlig unbemerkt, obwohl ich das vielleicht eigentlich überhaupt nicht will.

Der erste deutsche Chart-Hit als Warnsignal: „Verknallt in einen Talahon“

In 2025 hat es mit Verknallt in einen Talahon“ von Butterbro erstmals ein KI-generierter Song in die deutschen Charts geschafft. Aus einem edgy Vorschlag für das Jugendwort des Jahres, den vorher kaum jemand kannte oder im Alltag nutzte, wurde binnen kürzester Zeit nicht nur ein Meme-Moment, sondern auch ein Beweis für die Offenheit der Bevölkerung für KI-Musik. Der Song hat für erschreckend viele Leute einfach „gut genug funktioniert“. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, dass KI-Songs immer offensichtlich schlecht wären. Es reicht schon, wenn sie gut genug sind, damit Leute sie „ironisch hören“. Und bei anderen reicht es auch schon, wenn sie im Alltag einfach nur nicht sofort negativ auffallen.

Gütersloher Stadtjubiläum: KI-Song gewinnt gegen handgemachte Musik

KI-Musik taucht inzwischen leider auch in Kontexten auf, in denen viele Leute noch davon ausgehen, dass es eigentlich um handgemachte Beiträge geht. Ein Beispiel dafür ist der Wettbewerb „Dein Song für Gütersloh!“ zum 200. Stadtjubiläum. Hier ging es vereinfacht gesagt darum, ein originales und kreatives Lied zu kreieren, das Bezug zur Stadt (Geschichte, Kultur, Zukunftsvisionen) hat, eingängig ist und dabei emotional und musikalisch einen guten Eindruck vermittelt.

Schon im Vorfeld wirkte es zumindest fahrlässig, dass das Thema KI trotz des Hypes im Regelwerk nicht einmal aufgegriffen wurde. Irgendwie so, als wäre den Verantwortlichen gar nicht bewusst gewesen, welche Möglichkeiten und Probleme da mittlerweile dran hängen können.
Am Ende wurde dann feierlich der Siegersong veröffentlicht. Wer etwas genauer hinhörte, merkte schon anhand der ersten Töne, dass der Song musikalisch mehr als nur „eigen wirkt. Und auch der Flow offenbarte Ungereimtheiten, die bei menschlichem Songwriting doch eher unüblich waren. Umso weniger verwunderlich war dann, dass der „Künstler nur unter dem Pseudonym „B61 in Erscheinung trat und ansonsten kein musikalischer Hintergrund erkennbar war. Diese Anonymität mag sein gutes Recht sein, wirkt aber seltsam für einen Song, der als Hymne für ein Stadtjubiläum gedacht ist – also faktisch etwas, das eine regionale Gemeinschaft repräsentieren und bestenfalls auch auf den passenden Veranstaltungen laufen und vielleicht sogar live performt werden sollte.

Dazu kommt natürlich die Außenwirkung: Viele, die auf klassischem Weg Musik machen, fühlten sich ein Stück weit betrogen. Nicht unbedingt nur, weil KI im Wettbewerb per se verboten sein müsste. Das Problem lag vor allem darin, dass dieser Beitrag die Wettbewerbsbedingungen komplett verzerrte. Denn klar ist es gewissermaßen unfair, wenn jemand einen Song mittels massiven Einsatzes von KI auf ein Produktionslevel hebt, das andere Teilnehmende ohne Verwendung dieser Hilfsmittel gar nicht erreichen können, auch wenn sie noch so viel Zeit, Arbeit und vielleicht sogar Geld reinstecken. Jetzt könnte man natürlich wieder sagen „selbst schuld, wenn sie die Möglichkeit nicht nutzen“, aber das verschiebt den Diskurs in eine völlig falsche Richtung und kehrt schon wieder die Probleme von KI-Musik komplett unter den Tisch.

Dass am Ende überhaupt offen zugegeben wurde, dass für die Erstellung des Songs KI eingesetzt wurde, wirkt unter Berücksichtigung all dieser Komponenten nicht wie eine bewusste Entscheidung aus der gelebten Transparenz heraus. Ich sehe darin vielmehr wie Notwehr und Schadensbegrenzung, weil ein Totschweigen des Themas nicht länger möglich gewesen wäre. Besonders tragisch daran finde ich, dass „B61″ behauptet, die KI sei für ihn ja wie die Kamera für eine*n Fotograf*in gewesen und er habe „jedes Wort, jede Silbe, jede Harmonie“ exakt so vorgegeben. Wäre das so gewesen, würde ich mich an seiner Stelle massiv für den miserabel falsch buchstabierten Stadtnamen, die zum Teil echt wilde Intonation und Reime wie „harter Korn“ auf „Hagedorn“ schämen.

„Walk My Walk“: Ein KI-Song auf Platz 1 der US-Charts

Nun gibt es inzwischen auch zahlreiche Beispiele außerhalb Deutschlands, bei denen KI-Musik nicht nur irgendwo auftaucht, sondern komplett im Mainstream ankommt.

Im Dezember 2025 ging in den USA ein KI-Country-Act namens Breaking Rust viral, dessen Song „Walk My Walk es sogar an die Spitze der Billboard Country Digital Song Sales Charts geschafft hat. Hinter der rauchigen Stimme steckte dabei aber eben keine echte Person, sondern künstliche Intelligenz. Laut Billboard war das zu allem Überfluss noch nicht einmal ein Einzelfall, denn in kurzer Zeit schafften es noch mehrere andere KI-generierte oder KI-unterstützte Acts in die Charts. Diese Aussage passt auch ziemlich gut zu den Zahlen, die Streamingdienste inzwischen zum Teil schon selbst nennen: Deezer spricht von rund 50.000 neuen KI-Songs pro Tag, die dort hochgeladen werden. Und gleichzeitig merken viele Leute nicht mal sicher, was sie da gerade hören.

Ob nun Butterbro, B91 oder Breaking Rust: Es häufen sich die Fälle von vermeintlichen Musiker*innen, bei denen du kaum noch auf einen Blick nachvollziehen kannst, ob hinter der Komposition und/oder den Lyrics noch eine echte Person steckt. Das fängt harmlos an, oft mit generischen Namen und dünnen Profilen. Oft wirken die Visuals lieblos dahingeklatscht oder auch auffällig KI-generiert. Und es geht weiter mit einer Diskografie, die wirkt wie am Fließband rausgehauen, oft mit komplett wechselnden Stilen, als wäre es egal, wofür dieser „Artist“ überhaupt genau steht. Damit entfernen wir uns dann auch von der Musikszene hin zur Content-Industrie. Aus „Ich mache Musik“ wird ein plumpes „Ich produziere Output.

KI-Musik läuft im Hintergrund mit – und fast keiner merkt’s

Die US-Investmentbank Morgan Stanley hat in einer jährlichen Analyse zu Hörgewohnheiten auch gezielt Daten zu KI-Musik erfasst. Laut ihrer Auswertung hören 50 bis 60 Prozent der 18- bis 44-Jährigen in den USA pro Woche rund 2,5 bis 3 Stunden KI-generierte Musik. Über alle Altersgruppen hinweg liegt der Wert immer noch bei 36 Prozent.

Man kann darüber diskutieren, wie genau diese Zahlen zustande kommen, denn die Methodik wird in Branchenreports nicht immer so transparent veröffentlicht wie bei wissenschaftlichen Studien. Aber selbst mit Vorsicht gelesen bleibt die Richtung klar: KI-Musik läuft längst mit – und das nicht nur irgendwo in spezialisierten Apps, sondern vor allem über YouTube und TikTok – und damit genau da, wo Musik sowieso ständig nebenbei konsumiert wird. Das Perfide daran ist: Viele merken es nicht mal. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos in Auftrag des Musikstreaming-Dienstes Deezer in 8 Ländern (darunter auch Deutschland) hat gezeigt, dass 97 Prozent der 9000 Teilnehmenden daneben lagen, wenn sie einschätzen sollten, ob Musik KI-generiert war oder nicht.

Heißt am Ende: Selbst wenn KI-Musik schon überall mitschwimmt, ist sie für einen Großteil offenbar nicht erkennbar. Und genau deshalb ist Kennzeichnung keine Luxusforderung, sondern eigentlich die absolute Grundlage.

KI-Produkte auf Profilen echter Künstler*innen

Noch heimtückischer wird es meiner Meinung nach, wenn KI nicht mal mehr nur als eigenes Projekt auftaucht, sondern sich bei echten Artists einschleicht. Genau diesen Fall gab es nämlich schon mehrere Male, so zum Beispiel beim 1989 verstorbenen texanischen Singer-Songwriter Blaze Foley oder bei der Band Toto (ja, das sind die mit „Africa“). Im Zuge eines Falls rund um das Spotify-Profil einer Band mit dem lustigen Namen King Gizzard & The Lizard Wizard betonte der Streaming-Anbieter, dass sie strengstens jede Form der Identitätsfälschung von Künstler*innen verbieten. Im September 2025 gab die Plattform zudem bekannt, dass sie in den vorangegangenen zwölf Monaten mehr als 75 Millionen Songs entfernt hätten, die mithilfe von KI erstellt worden waren.

Nur damit klar ist, worin hier das Problem besteht:

  • Identität: Ein Künstlerprofil ist nicht nur ein Account, sondern ein Künstlername, ein damit verbundenes Image und historisch gewachsenes Gesamtwerk. Diesem wird durch nicht durch sie oder andere Rechteinhaber*innen autorisierte Werke geschadet.
  • Vertrauen: Wenn selbst verifizierte Seiten nicht mehr „sicher“ sind – was ist dann überhaupt noch echt?
  • Kontrolle: Wer entscheidet darüber, was unter deinem Namen veröffentlicht wird – und wie schnell bekommst du es im Zweifel wieder weg?

Hier geht es also nicht um „KI-Inhalte existieren irgendwo“, sondern um falsche Zuordnung, Identitätsmissbrauch und Plattformen, die es offenbar bisher nicht zuverlässig verhindern (können?).

KI-Musik erkennen (oder es zumindest versuchen)

Man kann sich jetzt viel darüber streiten, ob KI-Musik „anders klingt“. Denn klar, manchmal hört man besonders diesen leicht synthetischen Glanz auf Vocals, diese merkwürdige Glätte und dieses „zu perfekt, aber auch irgendwie leer“ einfach raus.

Doch die von Deezer beauftragte Studie hat uns ja anderes gelehrt. KI-Musik wird technisch besser und inzwischen oft so produziert, dass sie immer weniger oder gar nicht mehr wirklich zwischen „realen“ Releases auffällt.

Was am Ende übrig bleibt, ist eine Reihe von Indizien für KI-generierte Musik. Und die fühlen sich manchmal eher an wie True-Crime-Fall, obwohl man eigentlich einfach nur Musik hören wollte. Hier einige Beispiele:

  • unnatürlich wirkende Betonung einzelner Wörter
  • merkwürdige hinzugefügte oder verschwundene Silben
  • musikalisches Stil-Hopping ohne erkennbares „Warum“
  • sehr viele Releases in kurzer Zeit
  • Cover/Visuals, die nach „Prompt rein und fertig“ aussehen
  • gar keine oder ungewöhnlich leere Social Media Kanäle
  • AI Song Checker wie hier schlagen Alarm

Die Erfüllung dieser Merkmale stellt natürlich keine absolute Garantie dafür dar, dass nicht zumindest zum Teil mit KI am Song gearbeitet wurde. Natürlich gibt es auch echte Artists, die einfach etwas weird sind oder anonym bleiben wollen. Und auch vermeintlich treffsichere KI-Checker wollen dir zum Teil einreden, dass dein gerade noch selbst geschriebenen Text in Wahrheit Output von ChatGPT sei.
Je mehr Merkmale aber erfüllt sind, desto eher kann man davon ausgehen, dass es sich vielleicht wirklich um ein KI-Projekt handelt.

Souloverai: Eine Datenbank gegen den KI-Slop

screenshot soul over ai com

Solltest du dir mal wieder sehr unsicher sein, aber ein ungutes Bauchgefühl haben, dann gibt es zumindest ein paar Community-Projekte, die versuchen, etwas Ordnung ins von KI durchzogene Chaos zu bringen. Eins davon ist die Liste auf „Soul Over AI“. Das ist im Prinzip eine Verdachtsdatenbank für Artists, bei denen vieles darauf hindeutet, dass KI eine zentrale Rolle spielt – zum Beispiel durch die eben noch erwähnten Signale. Die Seite gibt offen zu, dass sie nicht auf hundertprozentige Wahrheit bestehen kann, aber eben zumindest einen Versuch darstellt, KI-Musik ein Stück weit erkennen zu können.

Natürlich ist das hier keine perfekte Lösung. Wenn man sich anschaut, wie viel KI-Content jeden Tag hochgeladen wird, dann ist so eine Liste eigentlich lächerlich klein. Aber sie ist zumindest ein Anfang. Denn im Moment fühlt es sich ja leider so an, als wären Community-Ansätze wie dieser die einzigen Tools, die zumindest ein kleines Hilfsmittel im Kampf gegen KI-generierte Musik darstellen.

Spotify: Community-Wunsch pushen… und hoffen

Weil eine Großzahl der Streaming-Plattformen so wirkt, als würde sie das Thema einfach nur aussitzen, ist es umso wichtiger, dass wir uns Gehör verschaffen. Und genau deshalb gehört der Unmut genau dahin, wo es weh tut: zu den Plattformen selbst. Ich kann verstehen, dass viele Spotify verlassen haben, weil sie nicht nur die Artists extrem schlecht bezahlen, sondern auch bisher kaum gegen AI-Musik tun. Aber ich glaube auch, da wir müssen uns nichts vormachen – dass das Gras anderswo nicht automatisch grüner ist. Jede Plattform hat so ihre Vor- und Nachteile, ob in Sachen Bezahlung, in Bezug auf ihre Usability, weil eng mit ihnen verknüpfte Personen in Skandale verwickelt sind oder weil sie nichts oder nicht genug gegen KI-generierte Musik unternehmen.

In der Spotify-Community gibt es zumindest ein Posting, das ziemlich genau das fordert, was eigentlich längst selbstverständlich sein müsste: KI-generierte Songs mindestens zu markieren und optional komplett ausblendbar zu machen. Diesem Beitrag kann man auch aktiv zustimmen. Das Posting ist zwar nicht mehr taufrisch, aber einen Versuch ist es zumindest wert. Auch wenn das im Endeffekt bedeuten sollte, was ich bereits im Beitrag erwähnt habe: Viel Aufwand für Spotify, um bestmöglich sicherzustellen, dass AI-Songs einigermaßen gut erkannt werden. Aber dieses Problem muss einfach deren Sorge sein und darf nicht bei uns Usern liegen bleiben.

Ausblick und vorläufiges Fazit zu KI-Songs auf Spotify & Co.

Ich bin nicht gegen Technik. Musik war schon immer technisch, und natürlich gibt es Tools, die helfen und Dinge einfacher machen. Aber das hier ist was anderes: KI-Musik bringt keinen wirklichen Nutzen außer möglichst schnell und mit wenig Aufwand Aufmerksamkeit und Einnahmen zu generieren. Dabei wird sie vermehrt zwischen handgemachter Musik als normaler Release versteckt – meist ohne ausreichende Transparenz in Bezug auf deren Produktion. Und damit geht es nicht mehr um Kreativität und Leidenschaft, sondern um schiere Massenproduktion und ein reines„wir fluten Plattformen und schauen, was hängen bleibt“.

Ich will keine Musikwelt, in der das normal ist.
Ich will nicht detektivisch prüfen müssen, ob ein Artist real existiert.
Und ich will nicht, dass echte Musiker*innen gegen eine Spam-Maschinerie antreten müssen.

KI-Musik ist kein Fortschritt, sondern einfach nur Verarsche auf Kosten der Kunst und Umwelt.
Wenn Plattformen KI-Songs nicht per se verbieten wollen, dann sollen sie wenigstens das Minimum tun: Kennzeichnen, filterbar machen und konsequent rauswerfen, wenn es unter falscher Flagge eingereicht wird.

Kategorien:
Gesellschaft · Alles · Kultur · Musiknews
Schallgefluester
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.