Die Entscheidung, mir ein Ticket für eines der Düsseldorf-Konzerte der +–=÷x Tour von Ed Sheeran zu kaufen, fiel erstaunlich spontan. Nicht aus einem akuten Fanmoment heraus, sondern eher aus diesem diffusen Gefühl, dass ich Ed über die Jahre vielleicht unterschätzt hatte. Seine Songs waren immer da: In Playlists, im Alltag, im Hintergrund. Und je näher das Konzert rückte, desto aufmerksamer und tiefer grub ich mich in seine Discographie.
Dabei wurde mir erst bewusst, wie viele Songs ich wirklich fühlte. Wie viele davon mich schon lange begleiteten, ohne dass ich ihnen diese Tiefe zugestanden hatte. Das Konzert selbst wurde dann völlig unerwartet extrem emotional. Ich habe viel geweint; sogar bei Songs, die mich zuvor nie so getroffen hatten. Drei Stunden Musik, eine rotierende Bühne, Momente mit Band, Momente ganz allein mit Gitarre und Loop Station… und vor allem Raum für Stimme, Texte und Gefühle.
Direkt am nächsten Morgen bestellte ich mir Play vor – und das sogar als physische, signierte Version. Dass dieses Album nicht losgelöst von diesem Konzerterlebnis zu mir kommen würde, war mir dabei durchaus bewusst.
Der Einstieg mit Opening hat mich sofort gepackt. Vielleicht sogar überrumpelt. Der Song beginnt beinahe harmlos: akustisches Gitarrenzupfen, zarter Gesang, fast vorsichtig. Starke Bilder dominieren den Track von Anfang an: Tränen am Grab des Bruders. Der Händedruck mit dem Chirurgen seiner Frau. Wochen im dunkelsten Käfig. Ed Sheeran macht hier nichts klein und nichts größer, als es ist. Er erzählt von einer Phase, in der es ihm psychisch extrem schlecht ging, ohne Pathos, ohne Selbstmitleid, aber mit einer Ehrlichkeit, die weh tut. Was diesen Song für mich so besonders macht, ist der Kontrast. Zwischen dem verletzlichen Singer-Songwriter und seinem Sprechgesang, den ich ohnehin liebe. Stillstand und Bewegung. Zusammenbruch und diesem einen entscheidenden Satz Draw a line. Er zieht eine Grenze für seine Familie, seine Kinder und sich selbst. Und dann diese Zeile, die alles öffnet und einen nahtlosen Übergang in den nächsten Song ermöglicht: And the day bursts wild and open…
Das ist kein einfacher Hoffnungsschimmer, sondern ein bewusstes Weitergehen. Für mich einer der stärksten Ed Sheeran-Songs überhaupt und ein Einstieg, der nur funktioniert, wenn man das Album Play in genau dieser Reihenfolge hört.
Sapphire und Azizam knüpfen daran an und waren vorab die Songs, bei denen ich ein wenig unsicher war. Der indische Einfluss liegt außerhalb meiner üblichen Hörgewohnheiten. Ich mag die Tracks, aber ich mag andere Stile und Songs von Ed Sheeran eben noch lieber. Umso erleichterter war ich, dass Play insgesamt viel ausgewogener mit der musikalischen Inspiration umgeht, als es im Vorfeld teilweise klang. Der Einfluss ist da, ja, aber er bleibt sanft, neugierig, offen und nicht allzu dominierend.
Symmetry ist dafür auch ein gutes Beispiel. Der Song könnte problemlos auf einem Dancefloor laufen, ohne seine Intimität zu verlieren. Die eingestreuten Lyrics auf Hindi bedeuten so viel wie Meine Liebe ist mein Liebster (Schatz), meine Liebe ist mein Liebster und wirken klar als eine Erweiterung des Gefühls. Es ist sinnlich, aber nicht schwer.
Mit Old Phone wird es dann wieder leiser und persönlicher. Die Geschichte dahinter –das alte Handy, das Ed im Zuge eines Rechtsstreits wieder einschalten musste – verleiht dem Song eine besonders greifbare Hintergrundgeschichte. Was er darauf findet, sind Nachrichten eines mittlerweile verstorbenen Freundes. Konflikte, die nie gelöst wurden und Kontakte, die verloren gingen. Der Song fühlt sich an wie ein nächtliches Sitzen am Küchentisch, wenn die Welt still ist und Erinnerungen laut werden. Er ist eher minimalistisch, aber vielleicht auch deshalb so wirkungsvoll.
Ein ganz anderer Ton kommt mit A Little More. Der Song ist erstaunlich leichtfüßig für das, was er erzählt: das Nachhallen einer toxischen Beziehung mitsamt der Erkenntnis, dass das eigene Leben besser wurde. Was dennoch bleibt, ist ein gewisses Gefühl von Wut. Der Kontrast zwischen dem rhythmischen Drive und der schmerzhaften Ehrlichkeit und der tiefsitzenden Kränkung innerhalb der Lyrics funktioniert hier besonders gut. Auch hier mag ich wieder den Wechsel zwischen Gesang und Rap, der dem Song etwas Befreiendes gibt. Es klingt fast so wie sich Klarheit anfühlt, nachdem man lange manipuliert wurde.
Slowly gehört zu den Songs, die mir fast schon unangenehm sind. Es geht um Trennung auf Zeit und emotionale Abhängigkeit. Ed beschreibt hier das Gefühl, lebendig zu sterben, während man eigentlich nur kurz getrennt ist. Alles wirkt grau, jede Sekunde zieht sich. Die Worte, die er hier wählt, erinnern mich an eine depressive Episode. Der Song ist brutal ehrlich, weil er diesen Ausdruck der Liebe nicht romantisiert, sondern als gefährlich entlarvt. Man weiß, dass es zu viel ist und kann trotzdem nicht anders fühlen.
Mit Freedom hat mich Play dann erneut gebrochen. Ich habe geweint, ziemlich stark sogar. Der Song dreht den Begriff der „Freiheit“ nämlich radikal um. Freiheit ist hier nicht Unabhängigkeit oder Alleinsein, sondern Sicherheit. Das Wissen, dass jemand da ist und dass man sich anlehnen darf. Dass Liebe nicht aus Bedürftigkeit entsteht, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus. Die Aussage Loving you is freedom widerspricht all den Narrativen, mit denen ich aufgewachsen bin, die Beziehungen als notwendiges Übel oder Dauerkompromiss darstellen. Für mich ist das einer der schönsten Liebessongs, die Ed Sheeran je geschrieben hat, weil er zutiefst erwachsen rüberkommt.
Die Deluxe-Tracks, welche erst als Ergänzung im September 2025 erschienen, haben das Album für mich noch einmal weiter vertieft. Spiral sticht dabei für mich besonders heraus als ein schmerzhafter Ohrwurm über eine Abwärtsspirale, gegen die scheinbar nichts hilft: Therapie – Alkohol – Rückfälle – Isolation. Ed fragt sich hier, ob Chaos vielleicht nötig ist, um überhaupt noch etwas zu fühlen. Ich verstehe nicht, warum dieser Song nicht auf der Standardversion war. Er ist roh, ehrlich und unglaublich nahbar.
Zum Abschluss wirkt I Don’t Wanna Go To Bed wie eine sanfte Landung nach all dem. Ein fast kindliches Bedürfnis nach Nähe, nach Schutz vor der Stille der Nacht. Kein großes Finale, sondern ein leises Bleiben nach einem Auf und Ab der Gefühle.
Ich frage mich ehrlich, wie ich auf dieses Album reagiert hätte, wenn ich Ed Sheeran nicht kurz zuvor live erlebt hätte. Ob mich alle diese Songs genauso tief getroffen hätten. Gleichzeitig bin ich dankbar für genau dieses Timing. Dafür, dass mir dieses Album ermöglicht hat, Lieder zu fühlen, zu denen ich vielleicht sonst keinen so unmittelbaren Zugang gehabt hätte. Play kam nicht neutral in mein Leben… aber vielleicht musste es das auch gar nicht.
Ich glaube, Musik darf das. Sie darf uns in Momenten erwischen, in denen wir offen sind. Sie darf Emotionen verstärken und vertiefen, ja sogar überfordern. Denn genau darin liegt für mich ihr Wert: Emotionen in all ihren Facetten erlebbar zu machen.




