Rezension: LaFee – Schatten & Licht

8. Januar 2026

Zwischen ungefähr 2006 und 2009 war LaFee für viele Jugendliche mehr als nur Musik. Sie war Projektionsfläche und Ventil für Liebeskummer, Wut, Unsicherheit und das Gefühl, zu viel zu sein und gleichzeitig nicht genug. Ihre Songs liefen auf Dauerschleife in Jugendzimmern, wurden heimlich mitgesungen oder demonstrativ abgelehnt. Für die einen war LaFee das Sprachrohr für Dinge, die man selbst nicht aussprechen konnte. Für die anderen ein gefundenes Fressen: zu laut, zu düster, zu emotional und einfach nur zu viel. Ihre markante Optik, das Gesichtstattoo, die Wut in den Songs – all das bot Angriffsfläche. Und die wurde nicht nur gegen LaFee selbst, sondern auch gegen ihre Fans genutzt. In ähnlicher Intensität kennt man das heute fast nur noch von wenigen Pop-Phänomenen wie Taylor Swift.

Dabei war LaFee enorm erfolgreich: Innerhalb weniger Jahre verkaufte sie Hunderttausende Tonträger, füllte Hallen und prägte eine ganze Generation von Teenagern, die sich zum ersten Mal in deutscher Pop- und Rockmusik wirklich gesehen fühlte. Gerade weil sie Gefühle nicht ironisch behandelte, sondern sie ernst nahm. LaFee wollte nicht zwangsweise cool sein und das war auch gut so.

Nach rund drei Jahren war diese Geschichte vorerst auserzählt. Die Verkaufszahlen gingen zurück, der öffentliche Ton wurde rauer und der Druck einfach zu groß. Aber LaFee verschwand nicht einfach. Denn Christina, wie sie bürgerlich heißt, ging andere Wege. Hin zum Schauspiel, Musical und in ein anderes Leben. Das Projekt LaFee blieb zurück wie ein Kapitel, das verhältnismäßig früh zugeschlagen wurde und trotzdem nie wirklich abgeschlossen war.

2021 gab es zwar noch einmal einen musikalischen Ausru… Ausflug mit Zurück in die Zukunft, einem 80s-inspirierten Coveralbum im Schlagerstil mit umgeschriebenen Texten. Ein Projekt, das eher wie ein kurzes Experiment wirkte und das LaFee selbst heute auffällig wenig referenziert. Vielleicht, weil es nie wirklich Teil dieser Geschichte war und es sich eher wie ein unnötiger Umweg anfühlte und weniger wie eine echte Rückkehr.

Als ich dann hörte, dass die „alte“ LaFee zurück sein soll, war meine erste Reaktion vor allem Überraschung. Aufgrund vieler Enttäuschungen über Comebacks und Weiterentwicklungen von Artists, die ich einst gern hörte, setzte ich meine Erwartungen bewusst gering, als ich mir Schatten & Licht eines Abends eher beiläufig zum Kochen auf meine Kopfhörer packte. Was dann passierte, hatte ich so nicht kommen sehen.

Der Opener LaFee ist dabei eine art biografisches Manifest. Schon das lange, epische Instrumental macht klar, dass hier Raum zum Atmen, Erinnern und Sortieren gelassen wird. Christina singt hier nicht einfach nur über ihre Karriere als LaFee, sie setzt sich aktiv mit ihr auseinander. Ihre Stimme wechselt zwischen kraftvoller Präsenz und dieser bewusst fragilen hörbar atmenden Zerbrechlichkeit in den Strophen, die man so auch noch von früher kennt. Konkret singt sie von ihren ersten Schritten, den großen Träumen, dem plötzlichen Erfolg, aber auch von Hass, Ausbuhen, juristischen Auseinandersetzungen, Kontrollverlust und dem Gefühl, mundtot gemacht worden zu sein. Besonders eindrücklich ist, wie selbstverständlich sie Schatten und Licht nebeneinander stehen lässt. Aber kein Wunder, denn das eine kann ohne das andere überhaupt nicht existieren. Ihre Ausflüge ins Schauspiel und Musical, das Finden ihrer großen Liebe und ihr Stolz als Mutter werden von ihr als Teil eines Lebens dargestellt, das weiterging, während die Bühnenfigur LaFee eingefroren schien. Dass sie sich diese Figur nun zurückholt, wirkt im Kontext des Songs wie eine stolze und kraftvolle Rückeroberung.

Songs wie Ich hass dich, Benzin oder Radioaktiv greifen auf die vertraute Wut und Direktheit zurück, die viele mit der „alten“ LaFee verbinden. Der Unterschied liegt im Kontext: Ihre Wut wirkt nicht mehr unkontrolliert, sondern kanalisiert. Sie ist nicht mehr Ausdruck von Überforderung, denn LaFee weiß heute, warum sie wütend ist und hat valide Gründe dafür, die über Oberflächlichkeiten wie Eifersucht und Neid hinausgehen.

Mit Heiligenschein scheint es so, als würde Lafee ein Stück weit ihre Vergangenheit aufarbeiten und zugleich bewusst Grenzen für die Gegenwart und Zukunft setzen. Sie benennt Widersprüche, Fehler, Ambivalenzen und sagt sehr klar: Ich bin nicht perfekt und ich will es auch nicht sein. Ich will nicht dein Vorbild sein. Gerade diese Ehrlichkeit wirkt befreiend, weil sie sich nicht moralisch über ihr Publikum erhebt. Stattdessen schafft sie einen Raum, in dem Unvollkommenheit nicht versteckt werden muss.

Mit Irgendwo noch ein Licht erreicht das Album einen der emotionalsten Punkte. Der Song thematisiert eine Fehlgeburt mit einer Offenheit, die in der deutschsprachigen Populärmusik noch eher selten zu finden ist. Christina setzt sich hier aktiv mit Verlust und Leere auseinander und thematisiert die Frage, wie man mit etwas umgeht, das nie wirklich da war und doch für immer fehlt. Der Song ist sicher bewusst nicht groß inszeniert, denn hier wird tapfer ausgehalten, so wie es bei schätzungsweise knapp 20% der bestätigten Schwangerschaften in Deutschland passiert. Eine der wichtigsten Messages dieses Songs und meiner Meinung nach auch des kompletten Albums: Schmerz darf existieren, ohne aufgelöst zu werden.

Auch Gespenster lebt von einer leisen, intimen und beinahe schmerzhaft vorsichtigen Atmosphäre und schließt für mich thematisch nahtlos an seinen Vorgänger an: Der Song thematisiert das Muttersein nicht romantisiert, sondern aus einer zutiefst beschützenden Perspektive heraus. Die Angst, dass das eigene Kind die Schatten erben könnte, die man selbst mit sich trägt. Es handelt sich hier um innere Bedrohungen wie Zweifel, Traumata und schwierige Erinnerungen, die man nicht einfach abstreifen kann. Der Song wirkt wie ein stilles Versprechen und gleichzeitig wie ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit.

Mit Kriegerin wird ihre Haltung dann explizit politisch und gesellschaftlich. Der Song ist eine klare Abrechnung mit patriarchalen Zuschreibungen, mit Sexismus und der Doppelmoral, an der Frauen seit jeher gemessen werden. LaFee benennt das System beim Namen. Besonders stark ist dabei, wie sie die Perspektive verschiebt: weg vom abstrakten Bild der Frau hin zu konkreten Rollen wie Schwester, Mutter und Freundin. Denn die sind alle davon betroffen. Der Song ist wütend, aber nicht blind vor Wut. Er ist eine reflektierte Kampfansage.

Deine Mutter, ohne die wärst du nicht da
Hat dich monatelang unterm Herzen getragen
Du hast geheult und sie nahm dich in den Arm
Und du sprichst von Mutter—F…?
Willst du mich verarschen?

Schatten & Licht klingt nach Nostalgie, nach Metal-Gitarren und nach emotionaler Direktheit bei gleichzeitiger mentaler Reife. LaFee ist keine Teenagerin mehr, die gegen eine Welt anschreit, die sie nicht versteht. Sie ist eine erwachsene Frau, die diese Welt kennt, in ihr gelitten hat und sich trotzdem nicht mundtot machen lässt. Das Album ist kein klassischer Versuch, alte Erfolge zu reproduzieren und einfach nur auf die Nostalgie-Schiene aufzuspringen. Es ist eine logische Fortsetzung und konsequente Weiterentwicklung einer Künstlerin, die frühere Narrative mit ihrem heutigen Erfahrungsschatz gerade rückt, Verantwortung übernimmt und Haltung zeigt. LaFee nimmt dabei ihre alten Fans an die Hand, ohne ihnen nach dem Mund zu reden, und öffnet gleichzeitig den Raum für neue Hörer*innen – auch für jene, die sie früher nicht verstanden oder sogar abgelehnt haben. Ihr klarer und selbstbewusster feministischer Blick macht dieses Album persönlich und gleichzeitig gesellschaftlich relevant – gerade weil er aus ihrer gelebten Erfahrung heraus entstanden ist.

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