Rezension: Taylor Swift – The Life Of A Showgirl

5. Januar 2026

Meine persönliche Vorgeschichte zu TLOAS

Auf dieses Album habe ich nicht nur gewartet. Ich habe es herbeigesehnt. Dass die Farbe Orange im Mosaik der Discographie von Taylor Swift noch fehlte, war klar. Ob sie sich nun aber über das angebliche lost Album“ oder ganz anders zeigen würde, blieb lange offen.

Während der Eras Tour kam mir ein spannender Gedanke: Für mich wirkte die Bühne wie ein Schlüssel. Passend dazu erschien mir die Tür des „Lover“-Hauses nicht zufällig symmetrisch platziert, sondern wie ein Zugang zu etwas, das noch kommen sollte. Am letzten Abend in Vancouver verließ Taylor die Bühne dann nicht wie gewohnt über den Stage Lift im Boden, sondern ging Arm in Arm mit ihrer Crew durch eine Tür im Bühnenbild. Ziemlich genau dort, wo im ersten Set der Show die Tür des „Lover“-Hauses zu sehen war.

Als ich diesen Gedanken online teilte, wurde mir zunächst widersprochen. Es sei unlogisch, hieß es. Umso besonderer fühlte es sich an, als Taylor später im New Heights-Podcast mit Travis und Jason Kelce genau diesen Gedanken bestätigte. Es ging mir dabei nicht ums Rechtbehalten, sondern um dieses bestärkende Gefühl: Ich habe genau hingeschaut, mitgedacht und eine Theorie formuliert, die sich nicht nur für mich stimmig anfühlte, sondern später sogar bestätigt wurde, was Taylor normalerweise eher selten so klar tut.

In die Phase der Vorfreude platzte kurz vor Release ein unschöner, halb-öffentlicher Streit mit deutlichem Machtgefälle. Ein Influencer mit Reichweite, den ich bis dahin recht unterhaltsam fand und der mich auch persönlich ein wenig kannte, machte Taylor Swift wiederholt zum Feindbild. Nicht, um ihre Musik ernsthaft zu diskutieren, sondern weil er kein Gefühl dafür hatte, wann er Menschen verletzt. Und vermutlich auch, weil es einfach ist. Weil es cool wirkt und man dafür leicht Zustimmung bekommt.

Denn eins muss ich ganz klar so sagen: Swifties in meiner Anwesenheit und mit Wissen über mich als „hirntot“ zu bezeichnen und weiter darauf zu beharren, weil zufällig für ein paar Sekunden ihr Name Thema war oder ein Song lief, war kein simpler Ausrutscher oder merkwürdiges Versehen. Es war Abwertung als Running Gag. Hass als Ego-Push und Content.

Plötzlich saß ich also da, als reflektierte Frau Anfang 30. Als bekanntes Communitymitglied. Infantilisiert und nicht ernst genommen. Mein Musikgeschmack wurde zum Beweis angeblicher Naivität erklärt. Das Machtgefälle war offensichtlich. Er redet, die Community nickt. Ich widerspreche. Und ich werde zur Projektionsfläche. Nicht, weil ich unreflektierten Unsinn rede, sondern weil ich mich weigere, Hass einfach stehen zu lassen.

Mit genau diesem Gefühl im Bauch habe ich The Life Of A Showgirl zum ersten Mal gehört und mich dabei gefilmt. Verletzter und dünnhäutiger denn je.

Rezension: Taylor Swift – The Life Of A Showgirl

Natürlich könnte ich jetzt die offensichtlichen Bops wie The Fate Of Ophelia, Elizabeth Taylor oder Opalite auseinandernehmen. Stattdessen konzentriere ich mich bewusst und passend zu meiner Geschichte auf ein paar andere spezifische Songs.

Was dieses Album für mich besonders stark macht, ist der konsequente Bruch mit Erwartungen. Kein weiteres 1989 und kein glattes Bühnenalbum. Stattdessen findet fast alles backstage oder fernab der Bühne statt: Heilung statt Performance, Charakterkanten statt Everybody’s Darling. Und dann die zahlreichen Songtitel, die etwas vermuten lassen und dann doch ganz anders abbiegen.

Ein Paradebeispiel dafür ist Father Figure: Viele Fans erwarteten hier einen Song über Fürsorge oder über Taylors eigenen Vater. Tatsächlich bezieht sich dieses Lied mit hoher Wahrscheinlichkeit aber auf den tiefen Vertrauensbruch zwischen Taylor und ihrem ehemaligen Labelchef Scott Borchetta:

Als Taylor 15 Jahre alt war, wurde er zu ihrem Mentor und zu einer väterlichen Leitfigur. Rund 14 Jahre später verkaufte er die Master-Aufnahmen ihrer ersten sechs Alben für etwa 300 Millionen Dollar hinter Taylors Rücken an Scooter Brauns Firma Ithaca Holdings. Kurz darauf wurden diese Masters wiederum weiterverkauft. Ein Master ist die Originalaufnahme eines Songs. Wer sie besitzt, kontrolliert Einnahmen und Verwendung. Taylor fühlte sich verraten, da man ihr verwehrt hatte, ihre eigenen Werke zu fairen Bedingungen zurückzukaufen.

Um die Kontrolle über ihr Erbe zurückzuerlangen, startete sie nach einem Tipp von Kelly Clarkson das Mammutprojekt der „Taylor’s Versions“. 2025 konnte sie die Master-Aufnahmen nicht zuletzt aufgrund der Rekord-Einnahmen der Eras Tour schließlich offiziell zurückkaufen. Damit gehört ihr Lebenswerk nun auch rechtlich vollständig ihr selbst.

Doch auch die Machart von Father Figure ist kein Zufall. Der Song enthält eine Interpolation des gleichnamigen Tracks von George Michael. Interpolation bedeutet: Teile des originalen Songs werden mit Instrumenten eigens nachgespielt und/oder der Gesang nachempfunden. Die Tantiemen fließen im Gegensatz zu einem Sample, das originale Ausschnitte des ursprünglichen Songs verwendet, nicht ans Label, sondern an den Rechteinhaber – oder wie in diesem konkreten Fall an seine Erben. Das Geniale daran: George Michael hatte in den 90er-Jahren selbst gegen Sony geklagt, weil er sich durch seinen Vertrag wie ein „professioneller Sklave“ fühlte und den Prozess leider schlussendlich verloren, was seine Karriere massiv ausbremste. Die Parallele ist also trotz eines anderen Ausgangs offensichtlich.

Father Figure ist also Zeichen eines schmutzigen, unangenehmen und dennoch notwendigen Akts der Befreiung.

Der Übergang zu Eldest Daughter ist brutal. Track 5 gilt bei Taylor Swift traditionell als der verletzlichste eines Albums. Und obwohl ich anhand des Titels zunächst dachte, dass mich dieser Song als jüngstes Kind mit zwei älteren Brüdern nicht treffen würde, schlug er mir doch regelrecht ins Gesicht.

Everybody’s so punk on the internet
Everyone’s unbothered ’til they’re not
Every joke’s just trolling and memes
Sad as it seems, apathy is hot

Dieses performative Coolsein. Dieses Draufhauen. Diese Gleichgültigkeit, solange es nicht einen selbst trifft. Ich habe geweint. Nicht schön, nicht filmreif, sondern richtig hässliches Ugly Crying.

Denn genau so ging es mir lange mit Taylor Swift: Ich habe mich lange nicht dazu in der Lage gefühlt, öffentlich als Swiftie aufzutreten. Nicht, weil ich ihre Musik nicht geliebt hätte. Sondern weil ich cool sein wollte und unauffällig. Bloß nicht anecken.

I’ve been dying just from trying to seem cool

Diese Zeile wirkt fast schon banal und ist gleichzeitig extrem schmerzhaft. Sie beschreibt diesen leisen Verrat an sich selbst. Und kickt mir nach einem Streit rund um mein Swiftie-Dasein und meinen vermeintlichen Hirntod nur noch härter in die Magengrube.

Nach Eldest Daughter war ich also eigentlich durch und emotional leer. Ich war also gerade so dabei, mich wieder zu sammeln… und dann kam Ruin The Friendship um die Ecke.

Zunächst war ich irritiert und skeptisch, ja fast schon wütend. Die Idee, eine Freundschaft zu ruinieren, um mehr zu wollen, fühlte sich aus eigener Erfahrung heraus falsch an. Zweimal hatte ich das bereits erlebt, dass mir beste Freundschaften plötzlich die Liebe gestanden. Ich brach daraufhin zum Schutz beider Seiten den Kontakt ab. Dementsprechend wollte ich Taylor scharf für die Gedanken in diesem Song verurteilen.

Doch dann fiel der Name ihrer Schulfreundin Abigail und die Stimmung kippte.

Abigail called me with the bad news
Goodbye, and we’ll never know why

Plötzlich ging es nicht mehr um einen Crush, sondern um den Verlust eines Jugendfreundes. Und Verlust meint hier nicht etwa einen Kontaktabbruch, sondern nichts geringeres als den Tod. Und damit handelt Ruin The Friendship vor allem von Worten, die nie gesagt und Chancen, die nie ergriffen wurden.

I whispered at the grave
Should’ve kissed you anyway

Ruin The Friendship ist also keine Einladung, kein diabolischer Plan, kein Fehltritt, sondern ein Gedanke, der zu spät kommt und genau deshalb so weh tut.

An dieser Stelle passt eine wichtige Einordnung. Taylor selbst hat gesagt, dass in diesem Song bewusst mehrere Narrative zusammenlaufen. Es ist recht klar, dass es hier um den Jugendfreund geht, dessen Verlust auch schon in Forever Winter besungen wurde. Doch bei dem Rest handelt es sich um keine einzelne und klar abgrenzbare Geschichte, sondern um unterschiedliche Perspektiven, Erinnerungen und Gefühle, die sich vielleicht sogar überlagern. Es ist also ziemlich wahrscheinlich, dass nicht Taylor allein das alles exakt so gefühlt und erlebt hat. Faktisch schreiben die meisten Musiker*innen über Erfahrungen, Beziehungen und Menschen und so tut sie das natürlich auch. Der Unterschied ist nur, dass bei ihr oft so getan wird, als müsse jeder Song eindeutig aufgelöst werden. Dabei kennen wir nur einen Bruchteil ihres Lebens. Und das, was sie teilt, ist bereits vorgefiltert, verdichtet und künstlerisch geformt.

Nach all dieser Verletzlichkeit verschiebt sich der Ton erneut. Actually Romantic irritierte mich zunächst. Nicht, weil ich die Message grundsätzlich ablehne, sondern weil der Song statt der erwarteten Leichtigkeit eher trotzig daherkommt und von vielen daher schnell als Mean-Girl-Energie gelesen wurde.

Gerade hier fällt mir die eben angesprochene Fixierung auf konkrete Personen besonders auf. Normalerweise bin ich niemand, der Songs zwingend zuordnen muss. Aber hier ist die öffentliche Spekulation so dominant, dass ich zumindest einen anderen Deutungsrahmen brauche, um den Track selbst nicht vorschnell abzutun. Denn ein Narrativ zieht sich durch sämtliche Medien: Jemand, der den Drogen nicht abgeneigt ist, sich sehr gut mit einem von Taylor Ex-Freunden versteht und einen Song schrieb, in dem es unter anderem darum ging, dass es sie krank macht, Taylors Gesicht zu sehen? Das kann nur Charli XCX sein! Das Ding ist… ja, aber irgendwie auch nein. Halten wir uns einfach mal daran, dass Taylor sagt, dass sie Narrative gern miteinander vereint:

Hadn’t thought of you in a long time
But you keep sending me funny valentines

Es gibt öffentlich dokumentierte Fälle, in denen Kim Kardashian Kritiker*innen und sogenannte „Hater“ zum Valentinstag beschenkt hat. Freundlich im Ton, großzügig inszeniert, aber immer vor dem Hintergrund sehr öffentlich ausgetragener Konflikte.

Mit diesem Wissen wirkt Actually Romantic für mich weniger wie ein konkreter Angriff auf eine einzelne Person und mehr wie ironische Distanz. Ein stilles Ich sehe das, aber ich lasse es nicht mehr an mich ran. Und das ist etwas, was ich mir gern für mein eigenes Seelenheil abschauen möchte.

Der letzte Song, den ich explizit hier erwähnen möchte, ist Wood.
Im ersten Moment wirkt das Lied sehr spielerisch, indem er Aberglauben wie Klopfen auf Holz und eine schwarze Katze aufgreift.

Handwerklich ist der Song extrem stark: Zu Beginn entpuppt sich Daisy schnell nicht als Frau, sondern als Blume. Zwei Klopfer statt drei brechen bewusst mit dem üblichen Ritual, als habe Taylor das Glück nicht mehr nötig.

Und trotzdem komme ich emotional nicht ganz rein, als es um sich öffnende Schenkel und einen Mammutbaum geht. Denn die Message ist mir zu direkt. Das meine ich überhaupt nicht als böses Urteil, sondern eher als persönliche Präferenz. Denn mit Songs wie Dress oder I Can See You bin ich trotz sexueller Anspielungen schnell warm geworden, weil sie durch Andeutungen noch etwas Raum für Kopfkino lassen.

Daher funktioniert für mich persönlich auch die cleane Version von Wood deutlich besser.

Aber genau das ist es, was ich so wichtig finde, wenn ich Musik höre: Nicht jeder Song muss mich persönlich (komplett) abholen und kann trotzdem seine Daseinsberechtigung haben. Es kann halt irgendwie auch nicht sein, dass sich Leute hier künstlich über die Sexualisierung aufregen, aber Songs wie Like A Prayer von Madonna, Summer of ’69 von Bryan Adams, Whistle von Flo Rida oder Cake By The Ocean von DNCE ohne die gleiche härte der Kritik abfeiern.

The Life Of A Showgirl ist ein Album über Heilung und die (Durch-)Setzung von Grenzen. Es handelt vom guten Recht, nicht mehr allen gefallen zu müssen und sich konkrete Dinge für das eigene Leben wünschen zu dürfen. Und davon können wir uns eigentlich alle eine Scheibe abschneiden.

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