Wenn ich in meinem Umfeld frage, woran Menschen denken, wenn sie The Devil Wears Prada hören, fällt eigentlich immer dasselbe ein: der Film mit Meryl Streep zwischen Modewelt und Machtspielen. Spätestens seit der Ankündigung des Kinostarts von Der Teufel trägt Prada 2 im Frühjahr 2026 liegt diese Assoziation noch einmal viel näher.
Woran ich dabei hauptsächlich denke, ist aber etwas völlig anderes: Ich denke an die gleichnamige Metalcore-Band aus Ohio. The Devil Wears Prada existieren nun schon seit fast 20 Jahren. Und sie waren schon immer eine dieser Bands, die sich nie damit zufriedengegeben haben, einen einmal gefundenen Sound einfach 1:1 zu reproduzieren.
Das neunte Studioalbum der Band trägt den Namen Flowers und erschien Mitte November 2025. Schaut man sich nun einmal das Metalcore-Subreddit ab, dürfte man sich das Hören dieser Platte eigentlich direkt sparen. Zu weich, zu poppig, zu wenig „Prada“ lautet der Konsens vieler Kommentare. Enttäuschung und Abwehr dominieren schnell die Diskussionen. Doch ich kenne diese Mechanismen inzwischen gut genug: Gerade in Szenen, die stark von Identität und Abgrenzung leben, reagieren Menschen besonders empfindlich auf Veränderungen. Aus diesem Grund habe ich mich aktiv dazu entschieden, mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen – und das völlig losgelöst von Erwartungshaltungen an irgendwelche Genre-Definitionen.
Der erste Track ist wie ein kleiner Prolog: Eine weibliche Stimme, fast wie ein Gedanke, der noch nicht ganz ausgesprochen werden will:
I used to believe that if I got everything I wanted
Maybe then, I’d finally be happy
But all of that was just a dream and now
It’s over
Weiter geht es mit Where The Flowers Never Grow. Nach dem gesprochenen Einstieg wirkt der Song musikalisch überraschend offen und klar. Während der Sound etwas Leichtes und Befreiendes hat, erzählt der Text von einem inneren Ort, an dem Entwicklung stagniert. Zeilen wie I fall back on what I know wirken wie ein Griff nach dem letzten Halt. Der Song steht also dauerhaft unter einer gewissen Spannung, indem er zwei Gegensätze verkörpert: Nach Außen hin Bewegung und nach Innen hin Erstarren.
Diese Stimmung zieht sich auch weiter durch Everybody Knows. Hier wird das Motiv der Einsamkeit und mentalen Überforderung noch etwas deutlicher: Glück erscheint als flüchtiger Zustand, während innere Leere beständiger wirkt. Musikalisch verbinden sich wieder eingängige Melodien mit einer gewissen Schwere, die sich dann auch vor allem textlich niederschlägt. Hier beginnt sich ein zentrales Motiv des Albums abzuzeichnen.
In For You liegt der inhaltliche Fokus auf zwischenmenschliche Beziehungen. Der Song erzählt von Hingabe, unerwiderter Loyalität und von dem Wunsch, trotzdem festzuhalten. Verzweiflung und Hoffnung liegen hier eng beieinander. Die Dynamik zwischen ruhigen Passagen und intensiveren Screaming-Parts macht dieses Ungleichgewicht gut hörbar.
When You’re Gone beschreibt Verlust als schleichenden Zustand. Farben verschwinden, die Zeit dehnt sich und Nähe wird anstrengend. Alles wird langsamer, schwerer und leerer, ohne dass es dafür einen klaren Auslöser bräuchte. Der wiederkehrende Satz We’ll be better soon wirkt dabei weniger wie ein Versprechen als wie ein Mantra, das man sich selbst sagt, um durchzuhalten.
The Sky Behind The Rain wirkt wie ein Innehalten. Eine weitere Sprachnachricht, persönlich und verletzlich, leitet eine Phase ein, in der der Sound insgesamt etwas elektronischer als in den Tracks davor wird:
Hi babe, I miss you
I just wanted to hear your voice
So, it’s been a while and I would say it’s been long
I’m just starting to feel really antsy
And I really thought that you would be here
Thought it would be great, yeah
Really miss you
I miss you, I’ll see you soon
Wave greift diese Offenheit auf und formuliert eine der wohl wichtigsten Messages von Flowers: Man kann nicht jeden Kampf gewinnen und es ist manchmal auch einfach wichtig, den eigenen Zustand als solchen genau so anzunehmen.
Mit Ritual rückt dann stärker das Thema von Wiederholung, Routine und Konformität in den Vordergrund. Der Song fühlt sich wie ein Kreislauf an, aus dem man sich nur schwer lösen kann und strahlt etwas Zwanghaftes aus. Mich macht dieser Song regelrecht süchtig und gehört somit klar zu meinen Top Tracks des Albums.
Eyes und Cure Me vertiefen die Auseinandersetzung noch weiter. Fragen nach Kontrolle, Glauben, Selbstwahrnehmung und innerer Klarheit stehen im Raum, ohne einfache Antworten zu liefern.
Das Album endet mit My Paradise, einem Song, der die Idee von „Glück“ als Konzept neu verhandelt: Vielleicht liegt Glück gar nicht im ständigen Streben nach mehr, sondern im Annehmen des Hier und Jetzt. Lasst uns die Mittelmäßigkeit zelebrieren, die uns Frieden bringt und Unruhe fernhält.
Flowers fühlt sich für mich wie ein konsequent weitergedachter Schritt innerhalb der Bandgeschichte an. Auf dem Album nehmen The Devil Wears Prada Gefühle ernst und definieren Weiterentwicklung als etwas, was nicht immer nur lauter, härter und extremer sein muss. Und deshalb freue ich mich auf noch viele weitere tolle Stunden mit diesem für mich rundum gelungenen Album, das ohne Zweifel zu meinen musikalischen Highlights aus dem Jahr 2025 zählt.




