Kennst du dieses Gefühl, dass du gar nicht mehr allem gerecht werden kannst? Du wachst auf, greifst zum Smartphone und scrollst durch dystopische Schlagzeilen: Klimawandel, Krieg, Patriarchat, politische Skandale, Wirtschaftskrisen und daneben schon fast lachhaft wirkenden Boulevard-Meldungen. Parallel ploppen private Chats auf, irgendjemand versucht dich online zu provozieren. Und während all das bereits gleichzeitig passiert, sollst du funktionieren, deinen Alltag organisieren, Beziehungen pflegen, informiert bleiben und am besten überall mitreden können. Nicht, dass dich am Ende noch jemand für dumm hält!
So – oder zumindest so ähnlich – haben sich meine ersten Hördurchläufe des Albums belle époque von FJØRT für mich angefühlt: Geschichtliche Referenzen, politische Verweise, mir bislang unbekannte Schlagworte und musikalische Brüche überlagern sich zu einem dichten Geflecht, aus dem immer wieder neue Assoziationen entstehen. Ich lehne mich vielleicht weit aus dem Fenster, aber ein Teil von mir glaubt, dass genau dieser Effekt beabsichtigt sein könnte.

Solltest du die Band wider Erwarten vielleicht noch nicht kennen, dann hier schnell ein paar Hard Facts: FJØRT bestehen aus Chris Hell (Gitarre, Gesang), David Frings (Bass, Gesang) und Frank Schophaus (Schlagzeug). Die Aachener bewegen sich seit jeher musikalisch irgendwo zwischen deutschsprachigem Post-Hardcore, Screamo und atmosphärischem Shoegaze.
Dieses Album fühlt sich anders als alles an, was ich bisher von FJØRT kenne. So anders, dass ich diese Verschiebung nicht ignorieren kann und will. Und doch zweifle ich gleichzeitig an meiner Einordnung. Aber vielleicht ist genau diese Unsicherheit Teil dessen, was belle époque spiegelt. Und genau da setzt meine Auseinandersetzung mit dem Album an.
Hinweis
In dieser Rezension betreibe ich bewusst intensive Textarbeit und gehe zum Teil recht detailliert auf inhaltliche und musikalische Aspekte ein. Wer sich von den Songs überraschen lassen möchte, sollte das Album vielleicht zuerst selbst in Ruhe hören und erst danach hierher zurückkehren.
Ich gehe im Folgenden bewusst chronologisch durch das Album, weil sich hier vieles erst im Verlauf erschließt und ich Interpret*innen zunächst immer einmal unterstelle, dass sie sich mit der Reihenfolge der Songs etwas gedacht haben.
messer
Schon in den ersten Songs wird deutlich, dass belle époque ein Stück weit politisch geprägt ist. messer erklärt die eigentlich „schöne Epoche“ aus dem Albumtitel kurzerhand zur „Pechschwarz-Ära“. Und wenn von 1987 Kilometer nach da werfen sie ab die Rede ist, entspricht das in etwa der Distanz zwischen der Heimatstadt der Band, Aachen, und Kyjiw.
Von meiner Betroffenheit wird keiner wieder wach
bringt die Ohnmacht hier in Deutschland in Hinblick auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nüchtern auf den Punkt.
hertz
hertz zeigt danach, wie ein Extrem von heute zur Normalität von morgen wird. Die Grenzen verschieben sich stetig. Sie sterben mit 20 Hertz beschreibt ein Sterben außerhalb unserer Wahrnehmungsgrenzen. Ich frage mich dabei nur, ob wir es nicht hören können oder vielleicht auch einfach nicht hören wollen.
Gleichzeitig kreist der Text mit Zeilen wie Solang ich vergesse, komm ich schon klar und für mich lieber nicht immer wieder um radikalen Egoismus. Leid gilt als Würze der Unterhaltung, aber Verantwortung wird dabei keine übernommen. Erst wenn es auch hier eskaliert, steht plötzlich die Frage im Raum: Wie sind wir geraten unter die Räder?
Musikalisch spiegelt sich diese Leseart in einer spürbaren Eskalation: Ein klackerndes Geräusch ähnlich zu dem eines Projektors beschleunigt sich, verschwindet und kehrt am Ende lauter denn je und begleitet von Rauschen und pfeifenden Explosionen zurück. So erinnert mich der Song zuletzt ein Stück weit an auch an Silvester und damit an einen der traditionell wohl egoistischsten Tage unserer Gesellschaft.
’43
’43 verschiebt den Fokus von Abstumpfung hin zur Verantwortung. Der Titel verweist auf den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 und damit auf Menschen, die sich trotz aussichtsloser Lage mutig gegen ihre Vernichtung auflehnten.
Doch der Song bleibt keine rein historische Aufbereitung: Während Wir haben gemordet als Aussage über die Vergangenheit noch der kollektiven Erinnerung dient, kippt der Blick mit bin gebogen, zum Ausradieren bereit schon ein Stück weit in Richtung der Gegenwart.
Die Zeile Weil wir Menschen schaltbar sind macht es dann noch deutlicher: Egal, unter wessen Fahne es geschieht – die meisten spielen irgendwann mit, weil Widerstand verdammt viel Energie kostet und weh tut. Kein Wunder, dass die zugegebenermaßen sehr provokant formulierte Line Wir leben in Hakenkreuzzeiten im Präsens steht. Denn all das, was wir lange Zeit nur aus den Geschichtsbüchern und aus Erzählungen von Zeitzeug*innen kannten, fühlt sich plötzlich wieder erschreckend nah an, oder?
kalie
Nach der kollektiven Wucht der Vorgänger richtet sich der Blick in kalie mehr aufs Individuum. Schon zu Beginn wabert eine Gitarrenfläche im Shoegaze-Stil vor sich hin. Und „Wabern“ ist es auch, was den Song insgesamt ganz gut beschreibt: Er schwillt zwar an und gewinnt gerade bei „wenn es dann zu spät ist, hab ich für euch Zeit“ an Tempo und Druck. Doch diese Steigerung mündet für mich nicht in der erwarteten Auflösung. Gegen Ende des Songs kommt das Wabern auf der akustischen Ebene zurück, der Sound übersteuert und wird schließlich „verschluckt“.
Die Ambivalenz des Songs wird für mich auch in den Lyrics deutlich: Während Ich bin der Grund der Dinge nach Übernahme von Verantwortung klingt, zeigen Zeilen wie sag’s mir, ich lüg mich frei und das in der Zukunft stattfindende hab ich für euch Zeit, wie bequem es doch sein kann, trotz Einsicht im Nichtstun zu verharren. Also genau wie das Instrumental, das zwar ein wenig in Bewegung kommt, dann aber trotzdem ein Stück weit stecken bleibt.

mir
Der Song mir rüttelt mich dann wieder mit einer spürbaren Irritation wach: Das Schlagzeug klingt zum Teil metallisch, der Bass brummt dominant und David klingt in seinem Sprechgesang ein wenig wie Marius Müller-Westernhagen in seiner leicht erhöhten Haltung. Doch im Verlauf findet er seinen Weg zurück in ganz vertraute FJØRT-Dynamiken.Der größere Bruch liegt in Wahrheit gar nicht im Sound, sondern eher im Text.
Statt Inhalte wie in der Vergangenheit oft hinter großen sprachlichen Bildern zu verschleiern, nennt mir Themen deutlicher beim Namen: Ob Coca-Koma, dirty thirty im Takt oder die Frage, wie viel Kleber es noch braucht – in diesem Song zeigt sich der Frust über eine Gesellschaft, die sich betäubt, während Klimaaktivist*innen verspottet werden. Darauf folgen Merz auf Lauer, Alice im Fascholand, der blau-schwarze Gestank, Viktor Orbán, der Krieg im Donbass, Free Maja, europäische Grenzpolitik und Seenotrettung.
Jedes der schlagwortartig genannten Themen für sich ist hochkomplex, emotional aufgeladen und gesellschaftlich umkämpft. In mir prasseln sie nun in hoher Taktzahl auf dich ein und es bleibt keine Zeit dafür, sie in Ruhe einzuordnen. Und genau darin liegt meines Erachtens nach die wahre Stärke des Songs: Möchtest du den Song als Hörer*in wirklich verstehen, dann bist du dazu gezwungen, dich aus deiner passiven Rolle zu lösen und dich aktiv mit den schlagwortartig angerissenen Themen auseinanderzusetzen.

ær
ær startet mit einer deutlich übersteuerten Gitarre. Das Instrumental baut Druck auf, bricht kurzzeitig ab und hämmert dann wieder erneut los, ehe es in ein atmosphärisches Grundrauschen mit hallenden Stimmen im Hintergrund übergeht. Davids Stimme setzt zunächst zwar ruhig ein, klingt dabei aber auffällig gleichmäßig, ja fast schon maschinell.
Nach der Zeile niemals so sein, nie wieder klein bricht das massiv übersteuerte Instrumental erstmals wieder durch. Es wird erneut ruhiger und David fährt fort wie zuvor – bis das schwere Instrumental nach ich war dabei, war frei zum zweiten Mal durchschlägt.
Und diesmal verändert sich die Stimmung spürbar, denn der Song wird danach unruhiger.
Es folgt eine fast schon mechanisch gesungene Passage rund um die Line stay steady
and warm and comfortable. Während David diesen Part dann immer und immer wieder fast schon fieberhaft wiederholt, setzt sich Chris‘ Stimme darüber und spricht in einer annähernd poetischen Art, die mich extrem an den Sound von Heisskalt (etwa den Song Still) erinnert.
Wenn wir dann könnten,
dann können wir nicht mehr
mündet schließlich in einem letzten aufbäumenden Gefühlsausbruch, bevor der Song in einen Zustand kippt, der sich für mich am ehesten wie Erschöpfung anfühlt. Übrig bleibt etwas wie eine Weiterentwicklung der atmosphärischen Stimmen im ersten Teil des Songs – aber dieses Mal klingen sie regelrecht kirchlich.
Für mich fügt sich ær damit in ein Bild ein, was sich für mich bereits früh auf dem Album angedeutet hat: Es baut sich Stück für Stück eine Spannung auf, doch anstatt einer klassischen Auflösung endet der Song in einem Zustand der Erschöpfung.
rott
rott beginnt ähnlich wie einige seiner Vorgänger in einem übersteuerten Setting und irgendwie erinnert es mich an einen laufenden Motor. Die Lyrics beginnen mit einem auffällig gleichmäßigen und beinahe roboterhaften it feels like business. Als David die historisch belastete Formel ein Volk, ein Reich, ein… anreißt, weiß man eigentlich, was folgen müsste – doch beim „F“ kippt es abrupt und statt der erwartbaren Fortsetzung bricht ein aggressives FUCKER! hervor.
Rohe Gewalt, eine Distanz zum eigenen Gewissen und menschenverachtende Ideologie werden so heruntergesprochen, als handele es sich um tagtägliche Routinehandlungen. Besonders perfide finde ich die Wirkung des Parts rund um die Line wir waschen Köpfe wund – der ist nämlich besonders klar und fast schon eingängig, was einen Hinweis auf die Wirkung von gut gemachter Propaganda geben könnte. Und als wäre das nicht genug, klingt das grässliche heil Vaterland dann auch noch so, als würde es mit einem besonders fiesen und hinterlistigen Grinsen ausgesprochen werden.
Mit der Formulierung von den letzten, die noch atmen bekommt der Song eine eigene ganz besondere Dringlichkeit. Er klingt wie ein Aufruf an all diejenigen, die noch nicht von der Propaganda-Maschinerie erfasst wurden. Und genau hier kippt rott dann für mich auch final in Richtung Protestsong: Ein wiederholtes Nein und für euch werd ich niemals sind ein Ausdruck von Haltung, Trotz und kollektiver Wut.
Ich hoffe inständig darauf, dass ich diese intensiven Zeilen eines Tages gemeinsam mit vielen anderen Leuten auf einer FJØRT-Show brüllen und dabei meine linke Faust in die Höhe strecken kann.

danse
danse wirkt zu Beginn ansteckend treibend, für FJØRT-Verhältnisse beinahe clubtauglich. Ich habe nichts zu verlieren klingt auch noch wie ein typischer Rausch-Satz. Doch mit alles wird ein Ja, wenn wir zwei Gramm weiter sind […] trink jetzt ab, du F… kippt die vermeintliche Leichtigkeit binnen kürzester Zeit. Was eben noch nach Nacht und sicherem Exzess klang, gerät in eine bedrohliche Schieflage.
Spätestens mit dem dialogartigen ich bin für dich da, wenn du alle bist, hmm… komm her wird klar, dass hier Nähe und Verführung mit Machtausübung verschwimmen. Ich hab die Augen an wirkt auf mich wie eine Art mechanischer Blick, der bewertet und partout nicht loslässt.
Mit 2025, we’ve fucking lost gravity öffnet der Song dann den Blick auf digitale Männerkultur, Kommentarspalten und performative Härte. Die Line doppelt Fleisch in Söderläden bringt mich dann in der eigentlich eher bedrohlichen Lage kurz zum Lachen, weil es den kindlich-trotzigen Männlichkeitskult des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder wunderbar karikiert. Und dann steht da plötzlich dieser eine Satz:
Ich habe keine Ahnung,
wie ihr’s täglich schafft.
Der bringt mich sogar zum Weinen, weil ich ihn so interpretiere, dass damit alle adressiert werden, die von genau diesen patriarchalen Strukturen klein gehalten, bewertet, objektifiziert oder sogar… schlimmeres… werden. Und fuck man, zwischen all dem Lärm wirkt diese Zeile wie ein anerkennendes Nicken. Wie ein Wir sehen dich. Wir sehen deine täglichen Struggles. Und wir nehmen sie ernst.
Zum Schluss greift der Song noch einmal Söders misogynes Bild der deutschen Wirtschaft ohne Auto, Maschinenbau und Chemie als Dame ohne Unterleib auf – fast so, als existierten Frauen rein zur männlichen Lustbefriedigung und auf gar keinen Fall als eigenständige Menschen.
danse lebt von seinem Kontrast eines eigentlich gut tanzbaren Songs mit nur schwer verdaulichem Inhalt. Und exakt diese Spannung macht ihn für mich trotz des Unbehagens zu einem meiner Lieblingssongs auf belle époque.
22:30
22:30 markiert für mich einen weiteren musikalischen Ausreißer innerhalb der FJØRT-Diskografie, was vor allem daran liegen mag, dass der Song für mich durchgängig so klingt, als käme er von Adam Angst. Diese Assoziation ist auch nicht sonderlich weit her geholt, wenn man bedenkt, dass David zugleich auch Teil dieser Band ist.
Jedenfalls gibt hier nun also Chris über weite Strecken den zynischen Spießbürger, der munter seine Nachbarschaft, FOMO und den Sonntagabend-Frust kommentiert. Tja, Pustekuchen eröffnet eine Tirade über Dubai-Schokolade, Infinity-Pools und der Fantasie von einem 11-Minuten-Trip ins All – fast so, als müsste man Reichtum erreichen, um es sich selbst und allen anderen zu beweisen. Immer höher, schneller, weiter… bis es kracht.
Ein Detail bringt mich besonders zum Lachen: Während bei Adam Angst bereits widerwillig der Abend bei bei Tanja und bei Steven verbracht wird (Was der Teufel sagt), wird Tanja bei FJØRT wiederum zum Sturmtief mit sieben Grad und Graupelschauer.
Zwischen krasser Body? naja, Genetik und haben die nix zu tun? gehen die nicht arbeiten? legt der Song diese ekelhafte deutsche Leistungslogik frei, in der Reichtum als hart erarbeitet gilt und Teilzeit oder gar Arbeitslosigkeit sofort verdächtig wirken. Denn gesellschaftlicher Wert misst sich an Produktivität und Außendarstellung.
Der Song verbildlicht wiederholt die Schere zwischen denen, die sich Raketenflüge leisten können, und den anderen die sich fragen, ob sie überhaupt „genug“ sind. Und die Frage, wann der Nachbar über einem endlich damit aufhört, seine Torte wegzutrommeln reduziert dann gleich mal noch die Sexualpartnerin des Nachbarn zum Objekt (was für mich ein Stück weit als Querverweis zu danse taugt).
Der Ton von 22:30 schwankt irgendwo zwischen Wut, Neid und Selbstironie, bis klar wird, dass das ewige Vergleichen einem selbst überhaupt nicht gut tut: Ich werd weniger, weniger mit der Zeit wirkt wie die absolute Ernüchterung und passt erschreckend gut zu dem ausufernden Shoegaze-Instrumental ab der Songmitte, in dem sich die Stimme Stück für Stück verliert, ehe sie ganz verschwindet.
yin
Mit yin habe ich mich anlässlich der Single-Veröffentlichung vor knapp einer Woche bereits ausführlich beschäftigt. Viele der bereits durch mich geäußerten Gedanken sind für mich auch im Kontext des Albums weiterhin stimmig. Schon in meiner Solo-Review habe ich den Song als ein Pendeln zwischen Erschöpfung und bewusster Selbstbehauptung gelesen.
Nun so direkt nach dem Dauervergleich, der Leistungslogik und der FOMO in 22:30 wirkt die radikale Auseinandersetzung mit sich selbst auf mich nicht mehr nur wie eine abstrakte Existenzfrage, sondern wie eine explizite Reaktion auf all das, was von außen permanent auf einen einprasselt.
nacht
nacht ist für mich bislang der stärkste Song des Albums, obwohl ich seinen Text lange nicht so unmittelbar greifen kann wie es bei anderen Tracks der Fall ist. Was ich aber schon beim ersten Abspielen bemerkt habe: Musikalisch erwischt mich nacht auf einer Ebene, die mich hochgradig emotionalisiert.
FJØRT sind ja als sonst in der Regel größtenteils schreiend unterwegs. Hier dominieren dagegen über weite Strecken klare Vocals. Gerade im Refrain legt sich die Gesangsmelodie so selbstverständlich über das Instrumental, dass beides ineinandergreift. Und selbst die späteren raueren Parts fügen sich organisch ein.
Was nacht für mich noch ein Stück genialer macht, ist die krasse Dynamik des Schlagzeugs. Es setzt einen Puls, der sofort mitnimmt, verändert sich aber zwischen den Strophen spürbar. Und dann diese kurzen Unterbrechungen, in denen das Schlagzeug komplett aussetzt… Plötzlich steht eine Zeile wie Wir sind der Grund und das Ergebnis völlig frei im Raum und bekommt ein ganz eigenes Gewicht.
Gegen Ende breitet sich das Instrumental immer weiter aus, der Gesang wird knapper und fügt sich stärker in den Gesamtklang ein. Bei nacht will ich mich auf eine seltsame Art fallen lassen wie ich es bei danse nicht tun konnte. Ich will in diesem Song versinken, ihn aufsaugen und dabei alles andere ausblenden.
Nach all der Wucht, der Wut und den offenen Fragen zuvor fühlt sich genau das wie genau der richtige Abschluss für ein so intensives Album an.

Fazit: FJØRT – belle époque
Zu Beginn dieser Rezension habe ich die Frage in den Raum geworfen, ob mein anfängliches Gefühl von Überforderung vielleicht durch die Band beabsichtigt ist und das Durcheinander, die Gleichzeitigkeit und die vielen angerissenen Themen Teil eines Konzepts sein könnten. Nach mehreren Durchläufen kann ich zumindest sagen: belle époque wirkt auf mich weiterhin wie eine Collage der Gegenwart, in der politischer Ernst und Notwendigkeit auf digitales Dauerrauschen, persönliche Erschöpfung und trotzigen Widerstand treffen.
Auf belle époque treffen konkrete politische Themen und historische Referenzen auf persönliche Brüche und eine gnadenlose Auseinandersetzung mit sich selbst. Vieles bleibt stehen und wird nicht konsequent zu Ende erklärt oder eingeordnet. Genau darin liegt für mich eine besondere Stärke: Du wirst als Zuhörer*in nicht beruhigt, sondern herausgefordert. Wenn du das Album in Gänze wirklich greifen können möchtest, dann musst du aktiv recherchieren und reflektieren. Und ganz vielleicht entsteht daraus sogar reflektiertes Handeln, das die Gesellschaft weiter bringt.
Das Album ist spürbar von Zynismus durchzogen. Dieser hat aber nicht viel mit Gleichgültigkeit gemein. Vielmehr bildet er die Reaktion auf eine Welt ab, deren Mechanismen längst offengelegt und so klar scheinen. Die Songs klingen wie von Menschen geschrieben, die sehr genau wissen, was schiefläuft, und die trotzdem keine einfachen Antworten liefern können. Und das steht dann eigentlich schon wieder fürRealismus und im krassen Kontrast dazu, was uns die eine oder andere auf dem Album besungene Partei politisch zu verkaufen versucht.
Natürlich ist das alles stellenweise sehr anstrengend. Um das Album selbst zu zitieren: Weil Widerstand weh tut. Themen, Tempo, neue Arten von Instrumentalen und Gesangsstilen prallen mit ungeschönten Emotionen aufeinander. Deshalb ist es in Sachen Dynamik umso wichtiger, dass die Band wie in Wellenform musikalisch immer wieder Inseln in Form klarer Vocals und längerer Instrumentalpassagen schafft. Das nimmt ein wenig Druck heraus, ohne die Aussagen der Songs abzuschwächen.
belle époque fühlt sich für mich an wie das Scrollen durch eine Welt, die niemals wirklich still steht. Alles passiert gleichzeitig und fordert Aufmerksamkeit. Man kommt kaum hinterher und kann trotzdem nicht wegsehen. Das Album bildet einerseits eine überfordernde Gleichzeitigkeit ab und lässt einen andererseits mit all dem daraus entstehenden Weltschmerz ein Stück weniger allein.
Anspieltipps: rott, danse, nacht
FJØRT auf BÉ FJØRT Tour 2026
präsentiert von Diffus, Visions, laut.de & FUZE
11.03. – DE – München, Technikum*
12.03. – DE – Jena, Kassablanca*
13.03. – AT – Wien, WuK*
14.03. – DE – Leipzig, Werk 2*
18.03. – DE – Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. – DE – Wiesbaden, Schlachthof
20.03. – DE – Dortmund, FZW
21.03. – DE – Hamburg, Gruenspan (ausverkauft)
25.03. – DE – Bremen, Schlachthof#
26.03. – DE – Hannover, Capitol#
27.03. – DE – Stuttgart, Im Wizemann
28.03. – DE – Köln, E-Werk
* Support: Tribute to Nothing
# Support: jule







