Zu Hannover haben meinem Eindruck nach überraschend viele Menschen eine sehr starke Meinung. Über Jahre hinweg habe ich immer wieder gehört, die Stadt sei hässlich, tauge maximal als Durchreiseort und wer dort wohne, habe einem einfach nur leid zu tun.
Vor kurzem war ich nun selbst erstmals in der niedersächsischen Landeshauptstadt unterwegs, um mir endlich ein eigenes Bild zu machen. Natürlich habe ich Hannover dabei nicht aus der Perspektive eines langjährigen Locals erlebt, sondern als Besucherin, die innerhalb weniger Tage möglichst viel sehen, erleben und trotzdem genießen wollte.
Beim Reisen ziehen mich vor allem Orte an, die Atmosphäre ausstrahlen. Das können klassische Schönheit, beeindruckende Architektur und besondere Bauwerke sein. Doch mindestens genauso faszinieren mich markante und charakterstarke Orte, die auf ihre ganz eigene Weise im Kopf bleiben.
Umso gespannter war ich also, ob Hannover seinem eher schlechten Ruf tatsächlich gerecht werden würde oder ob sich da einfach nur ungünstige Einzelerfahrungen den Eindruck einer ganzen Stadt kaputt gemacht haben.
Offensichtliche Sehenswürdigkeiten in Hannover: Neues Rathaus & Maschpark
Meine Vorab-Recherche hatte ergeben, dass das Neue Rathaus zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Hannovers zählt. Und obwohl ich mir das Bauwerk einfach mal auf meine To-Do-Liste gesetzt habe, war ich auf die tatsächliche Wirkung des Bauwerks kaum vorbereitet.
Schon von außen erinnert das Gebäude deutlich eher an ein monumentales historisches Wahrzeichen als an ein klassisches Verwaltungsgebäude. Besonders ins Auge fiel mir dabei natürlich die markante, grün angelaufene Kuppel (falls du es noch nicht wusstest: Der Effekt entsteht durch die Oxidation von Kupfer). Zusammen mit den Türmen, der detailreichen Bauweise und seiner gesamten Präsenz hätte das Neue Rathaus für mich optisch problemlos auch in Dresden stehen können – einer Stadt, deren Architektur ich durch mein Aufwachsen in Sachsen schon immer sehr bewundert habe.
Das direkte Umfeld trägt nur zur Wirkung dieses Ortes bei. Der angrenzende Maschpark mit seinen Grünflächen, Wegen und Wasserflächen schafft einen angenehm ruhigen Kontrast zur Architektur und macht den Bereich rund um das Rathaus zu einem Ort, an dem man sich auch einfach nur mal hinsetzen und ein wenig entspannen kann.
Aber zurück zum Neuen Rathaus: Schon die auffällige goldene Eingangstür machte direkt Lust auf das Innere des Gebäudes. Dahinter öffnete sich eine große, lichtdurchflutete Halle mit hohen Decken, prunkvollen Details und genau dieser Art von Architektur, bei der ich mir als Mensch nur allzu klein und unbedeutend vorkam.
Letztlich führte für mich natürlich auch kaum ein Weg am berühmten Bogenaufzug vorbei. Schon die enorme Höhe der Halle und die Treppen nach oben ließen meine Beine unangenehm kribbeln und mein Stresslevel zuverlässig steigen. Doch irgendwie ziehen mich ungewöhnliche Aufzüge einfach an und so war es verständlich, dass ich nach Erlebnissen wie dem schnellsten Aufzug Europas und einem Paternoster in Berlin natürlich auch einmal hiermit fahren musste.
Als sich die Kabine während der Fahrt tatsächlich spürbar neigte, neigte sich auch meine Stimmung… und das in Richtung blanker Panik. Ich schloss reflexartig die Augen, murmelte mir vermutlich irgendeine Form mentaler Selbstberuhigung zurecht und hoffte einfach nur noch, diese Erfahrung heil zu überstehen.
Oben angekommen wich der pure Stress dann aber Stück für Stück der Erleichterung… und schließlich auch ehrlichem Staunen. Denn so beängstigend der Weg nach oben für mich auch war: Die Aussicht über Hannover machte diesen kurzen inneren Ausnahmezustand letztlich doch irgendwo wieder wett.
Der Weg nach unten fühlte sich danach zum Glück deutlich entspannter an. Ich war jetzt nicht komplett angstfrei, aber mein Gehirn hatte inzwischen immerhin verstanden, dass dieser architektonisch absolut außergewöhnliche Aufzug mich offenbar nicht unmittelbar töten würde.
Im Anschluss an diese Grenzerfahrung kam mir eine kleine Auszeit im angrenzenden Maschpark ziemlich gelegen. Nach all dem inneren Stress, Adrenalin und kurzzeitigen mentalen Ausnahmezustand tat es richtig gut, einfach nur am Wasser zu sitzen, etwas zu snacken und alles ein wenig sacken zu lassen. Generell wirkte der Maschpark auf mich aber auch wie ein Ort, den nicht nur Touris für einen Besuch ansteuern, sondern an dem vermutlich ebenso Einheimische bewusst Zeit verbringen, entspannen und einfach mal abschalten.
Herrenhäuser Gärten & Berggarten
Natürlich wollte ich mir auch die Herrenhäuser Gärten nicht entgehen lassen. Selbst wenn relativ schnell klar war, dass ich Anfang/Mitte April jahreszeitlich vermutlich nicht gerade zum absoluten Optimalzeitpunkt dort unterwegs war, zählt dieser Ort schließlich nicht ohne Grund zu Hannovers bekanntesten Sehenswürdigkeiten.
Großer Garten
Falls du bei deinem Besuch ähnlich orientierungslos sein solltest wie ich es war: Halte am besten nach den drei eher schlichten dunklen Türen rechts neben dem gläsernen Arne Jacobsen Foyer Ausschau.
Dadurch, dass noch nicht alles dicht bewachsen war, ließ sich erstaunlich gut erfassen, wie die einzelnen Bereiche aufgebaut sind. Doch umso besser für meine Wahrnehmung: Gerade die somit viel besser erfassbare Symmetrie des Großen Gartens machte mein AuDHS-Hirn verdammt glücklich. Klare Sichtachsen, geordnete Strukturen und diese fast schon beruhigende Präzision machten die Anlage für mich selbst ohne maximale Blütenpracht bereits ziemlich beeindruckend. Kein Wunder, dass dieser Ort als einer der bedeutendsten Barockgärten Europas gilt.
Außerdem gefielen mir die Wasserspiele, die dem ohnehin schon sehr geordneten Gesamtbild noch einmal zusätzlich Bewegung verliehen. Vielleicht bin ich dafür auch einfach leicht zu begeistern, aber gerade diese Mischung aus klarer Struktur, dem Geplätscher von Wasser und angenehmer Ruhe hatte für mich stellenweise etwas Meditatives.
Kleiner Fun Fact: Ich empfand ja schon das goldene Tor in Zusammenspiel mit der Galerie Herrenhausen im eher kargen Zustand als sehr schön… doch normalerweise gibt es dort auch noch so richtig viel Grün. Wahrscheinlich würde mir von diesem Anblick dann komplett die Spucke wegbleiben.

Berggarten & Schauhäuser
Auch der Berggarten auf der anderen Straßenseite ist meiner Meinung nach einen Besuch wert. Der Zugang ist dank des an die Teletubbys erinnernden Hügels des Sea Life (arme Tiere, aber als Orientierungspunkt praktisch) auch deutlich schneller zu finden.
Dort merkte ich allerdings noch etwas mehr, dass mein Besuch zeitlich gesehen vielleicht nicht perfekt lag. An manchen Stellen war für mich nicht immer ganz eindeutig, ob gerade schlicht noch nicht viel gewachsen, bewusst naturbelassen oder einfach saisonal noch nicht allzu viel zu sehen war.
Die Namensschilder der Pflanzen entwickelten sich deshalb für mich dabei automatisch zu einem festen Bestandteil des Erlebnisses: Ich scannte sie mit großer Sorgfalt unter der hochseriösen Fragestellung, welche botanischen Namen sich wohl potenziell am besten als kreative Beleidigungen eignen könnten. Man muss Bildungsangebote schließlich individuell nutzen.
Das Mausoleum tauchte für mich innerhalb des Gartens zwar deutlich unerwarteter auf als gedacht, fügte sich architektonisch aber erstaunlich stimmig in die Parkanlage ein und verstärkte dieses Gefühl, dass der Berggarten seinen ganz eigenen kleinen Kosmos innerhalb der Herrenhäuser Anlagen bildet.
Warum ich einen Besuch des Berggartens auch unabhängig von der Jahreszeit empfehlen würde: Die Schauhäuser, also die Gewächshäuser, sind meiner Meinung nach immer einen Besuch wert. Mich persönlich erinnerten sie ein Stück weit an den Teenie-Film Groupies bleiben nicht zum Frühstück: Überall in den Schauhäusern verteilt hingen nämlich Hinweise, bitte keine Pflanzen zu stehlen oder mutwillig zu beschädigen. Das ließ mich natürlich direkt noch etwas mehr an den Film denken. Und während im Film zwischen all den exotischen Pflanzen ein Bandshooting stattfand, saß in meiner Hannover-Version stattdessen ein Malkurs im Orchideenhaus. Menschen mit Stift und Block vor Orchideen erzeugten zwar eine deutlich ruhigere Dynamik, wirkten aber auf ihre ganz eigene Weise nicht weniger speziell.
Gleichzeitig war es für mich persönlich auch einfach ziemlich cool, Pflanzen, Kakteen oder markantere Gewächse wiederzuerkennen, die mir zuvor eher als Geoguessr-Meta-Wissen als aus dem echten Leben bekannt waren.
Tolles organisatorisches Detail: Das Kombiticket für die Herrenhäuser Gärten und den Berggarten in Hannover ist nicht an einen einzelnen Besuchstag gebunden. Es gilt pro Bereich und kann sogar bis zu drei Jahre genutzt werden. Heißt: Man kann problemlos zum Beispiel den Großen Garten besuchen und sich den Berggarten für einen anderen Tag aufsparen.
Hannovers Innenstadt, Altstadt & unerwartet schöne Ecken
Hannover bot mir insgesamt deutlich mehr verschiedene Eindrücke, als ich innerhalb weniger Tage überhaupt vollständig mitnehmen konnte: Vom eher klassisch norddeutsch wirkenden Alten Rathaus über das elegante Opernhaus bis hin zu kleineren Altstadt-Ecken, auffälligen Fassaden oder der atmosphärisch sehr besonderen Aegidienkirche wirkte die Stadt stellenweise überraschend vielseitig. Die Gegend rund um den Turm des Historischen Museums strahlte durch die Lage am Wasser, die vielen Menschen am Ufer und die blühenden Bereiche auf der gegenüberliegenden Seite eine gemütliche Atmosphäre aus.
Zum besonders online so oft empfohlenen Maschsee selbst schaffte ich es dadurch letztlich gar nicht mehr wirklich, weil bereits vorher genug Orte und Eindrücke vorhanden waren, an denen ich deutlich länger hängen blieb als ursprünglich gedacht. Und das in einer Stadt, die bei vielen als so hässlich gilt!
Vegan essen in Hannover
Da ich vegan lebe, gleichzeitig aber auch generell nicht die entspannteste Person bin, wenn es um Essen unterwegs geht, spielt dieses Thema bei Städtereisen für mich oft eine deutlich größere Rolle, als mir lieb ist. Zwischen veganen Optionen, sozialem Stress, und meinem etwas komplizierten Verhältnis zu Essenssituationen wird selbst ein eigentlich so simples Was essen wir? schnell anstrengender, als es eigentlich sein müsste.
Die App Happy Cow gehört für mich ohnehin längst zur Grundausstattung und hat mir auch in Hannover wieder sehr geholfen. Besonders positiv überrascht hat mich dabei die Bäckerei Göing. Dass selbst eine größere und in Hannover weit verbreitete Bäckereikette ein so umfangreiches veganes Angebot bietet, hatte ich in dieser Form nicht erwartet. Meine Avocado-Stulle war extrem lecker, dazu kam noch ein süßes Teilchen, und spätestens bei veganem Bienenstich und Erdbeerkuchen wurde ziemlich deutlich, dass Hannover auch bei eher alltäglichen Stopps angenehm solide aufgestellt ist.

Ebenfalls sehr positiv in Erinnerung in Sachen veganer Leckereien in Hannover blieb mir Baba Mia. Gerade bei veganen Alternativen reicht mir persönliches ganz okay, der Hunger treibt’s rein inzwischen nicht mehr aus, weshalb solche kulinarischen Optionen umso erfreulicher sind.
Aus Komfortgründen nahm ich dieses Mal keinen veganen Döner, sondern einen veganen Dürüm.
Während man nun also in der Auslage exakt die Packung des verwendeten Produktes sah, konnte man sogar genau beobachten, wie das vegane Dönerfleisch separat angebraten wurde. So geht Transparenz! Und hey, keine Werbung, aber der vegane Dürüm von Baba Mia war für mich der beste, den ich bisher irgendwo unterwegs bekommen habe.
Auch wenn Essen unterwegs für mich selten völlig stressfrei ist, fühlte sich Hannover in genau diesem Punkt auf jeden Fall ganz praktikabel an, als ich es im Vorfeld vielleicht erwartet hätte. Gerade für vegane Menschen scheint die Stadt insgesamt erfreulich viele brauchbare Möglichkeiten zu bieten.
Kino mit Stil: Das Astor Grand Cinema Hannover
Schon von außen wirkte das Astor Grand Cinema Hannover mit seiner riesigen abgerundeten Glasfront im Eingangsbereich und den großen Leuchtbuchstaben deutlich schicker als das klassische Standardkino. Innen setzte sich dieser Eindruck direkt fort: stilvoller Eingangsbereich, insgesamt hochwertigeres Ambiente und einfach direkt das Gefühl, dass es hier um ein komplettes Kinoerelebnis und nicht nur um „eben mal ’nen Film schauen“ geht.
Mit Saal 4 hatte ich dann auch noch für meinen persönlichen Geschmack besonderes Glück: Der kleinere Saal war komplett in intensiver roter Optik gehalten und links wie rechts von Bücherregalen gesäumt. Ob die Bücher nun echt oder reine Deko waren, war mir dabei vollkommen egal, weil der Look einfach funktioniert hat. Dazu kamen angenehm bequeme, nach hinten neigbare Sitze, die zwar inzwischen nicht mehr völlig ungewöhnlich sind, aber eben auch noch längst nicht Standard.
Selbst wenn ich persönlich nicht jeden Premium-Zusatz wie den Platzservice in den hinteren Reihen brauche, merkt man dem Astor einfach an, dass Kino hier bewusst als ein Erlebnis gedacht wird. Für mich insgesamt eines der schönsten Kinoerlebnisse, die ich bisher hatte.
Hidden Games in Hannover
Ein Gutschein war letztlich einer der Hauptgründe, warum Hannover für mich überhaupt als Reiseziel infrage kam. Da die Hidden Games-Reihe für Zuhause ohnehin schon seit Längerem zu meinen absoluten Favoriten zählt, war die Freude über einen Gutschein für Hidden in Hannover – The Live Escape Game entsprechend groß.
Unsere Wahl fiel den Raum Space Oddyssey. In diesem Raum geht darum, an Bord eines havarierten Raumschiffs zu gelangen, dort die Situation zu erfassen und… ein Stück weit die größte Katastrophe der Menschheit zu verhindern. Aus anderen Escape Rooms kannte ich ja durchaus schon Konzepte wie versteckte Übergänge durch Spiegeltüren oder Einstiege, bei denen man sich zunächst erst einmal aus einem Glaskasten befreien muss. Hidden in Hannover setzte in Sachen Komplexität und kreativer Raumgestaltung für mich allerdings trotzdem noch einmal spürbar einen drauf. Geschafft haben wir den Raum schließlich mit knapp drei Minuten Restzeit.
Und auch das ist (leider) keine bezahlte Werbung, aber falls du also selbst Escape Games magst, solltest du echt mal einen Besuch in einem der „Hidden in“-Standorte in Erwägung ziehen. Diese gibt es neben Hannover auch in Hamburg, Braunschweig und Zürich. Ich hab auf jeden Fall große Lust auf einen weiteren Escape Room aus der Hidden-Reihe.
Fazit: Kurztrip nach Hannover
In meinem Umfeld war Hannover bislang eher als lohnt sich nur für Konzerte und ist ansonsten echt hässlich-Ecke verortet. Umso überraschter war ich davon, wie viel doch tatsächlich in dieser Stadt steckt. Und genau deshalb werde ich in Zukunft genauer nachfragen, sobald jemand wieder zu einer Hasstirade gegen Hannover ausholt und meine Erfahrungen einbringen. Denn ich bin mit dem Gefühl nach Hause gefahren, dass Hannover mehr positive Aufmerksamkeit und Tourismus verdient, als es derzeit bekommt.














































