Psychologie des Mitläufertums: Von Geese, Chaotic Good Projects & der Dynamik eines Hypes

Veröffentlicht: 23. Juni 2026

Vor einigen Wochen habe ich in meinem Beitrag zum Thema Musik-Bubbles davon berichtet, wie mir eine Band durch ein Video und Internetkommentare als unvermeidliches Allgemeinwissen verkauft wurde. Der Witz daran: Ich hatte tatsächlich noch nie etwas von ihnen gehört. Dementsprechend waren mir natürlich auch der suggerierte Hype samt eines großen „Skandals“ um die Band komplett fremd. Mithilfe kleinerer Umfragen und Analysen konnte ich dann anhand verschiedener Punkte darlegen, wieso der „Hype“ bis dahin vermutlich nie zu mir durchgedrungen war.

Doch obwohl ich zeigen konnte, dass es sich bei der Band eher um ein Bubble-Phänomen handelt, lösten die Machart des Videos und die Reaktionen auf mein Unwissen weiterhin einen ungewöhnlich starken Abwehrreflex in mir aus. Um dieses Gefühl besser greifen und verarbeiten zu können, fing ich schließlich damit an, die Situation zu analysieren und bin so immer tiefer in ein faszinierendes Rabbit Hole gerutscht.

Ich habe mir also die Geschichte der Band Geese samt ihrer Erfolge angesehen. Ich habe mich mit dem vermeintlichen Skandal und der möglichen Rolle der Marketingagentur Chaotic Good Projects auseinandergesetzt. Und ich habe mit den Erkenntnissen erneut einen Blick auf das Video und die Debatte gewagt und dabei einige interessante Dynamiken feststellen können, die ich zum Teil sogar mit eigenen Erfahrungen untermauern konnte.

Chronologie eines Hypes

Um die Zusammenhänge besser nachvollziehen zu können, habe ich die Ereignisse rund um die Band Geese und die Agentur Chaotic Good Projects erst einmal in einer kleinen Chronologie aufgeführt:

ZeitpunktEreignis
2016Gründung der Band Geese.
Die Bandmitglieder gehen zu diesem Zeitpunkt noch zur Schule.
2018Release des Debütalbums A Beautiful Memory.
2021Release des Albums Projector.
2023Release des Albums 3D Country & Durchbruch bei Kritiker*innen.
Februar 2025Gründung der Agentur Chaotic Good Projects.
8. Juli 2025Release der Single Taxes als Vorgeschmack aufs kommende Album.
Der Hype um die Band läuft an.
26. September 2025Release des Albums Getting Killed.
Die Kritiken überschlagen sich komplett.
Jahresende 2025Getting Killed steht auf diversen Bestenlisten weit oben, etwa beim Rolling Stone.
21. Januar 2026Bekanntgabe Nominierung für die BRIT Awards als Best International Act.
24. Januar 2026Auftritt von Geese bei Saturday Night Live.
14. März 2026
25. März 2026
Chaotic Good Projects im Billboard Live-Podcast auf dem SXSW.
Dauerhafter Release der Podcast-Folge.
1. April 2026Eliza McLambs Essay Fake Fans erscheint.
2. April 2026Die Narrative Campaigns Sektion verschwindet von Chaotic Good Projects Website.
Geese sind nicht mehr als Kund*innen gelistet.
11. April 2026Auftritt Geese auf dem Coachella Festival.
Die Diskussion nimmt währenddessen an Fahrt auf.
14. April 2026WIRED veröffentlicht den Artikel The Fanfare Around the Band Geese Actually Was a Psyop.
15. April 2026
16. April 2026
Viele weitere Medien wie The Guardian, Stereogum etc. ziehen mit der Berichterstattung nach.

Doch was hat das jetzt alles miteinander zu tun? Um das etwas besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Arbeitsweise von Chaotic Good Projects.

Was Chaotic Good Projects eigentlich tut

Chaotic Good Projects ist eine US-amerikanische Agentur für digitales Musikmarketing und bietet offiziell Dienstleistungen in den Bereichen virales Marketing, digitale PR-Strategien und User-Generated Content an. Sie betreibt tausende von Social Media Accounts, darunter beispielsweise Fan- und Meme-Seiten, Accounts mit Sport-Clips und Alltagsvideos.

Eine ihrer Strategien beruht auf TikTok Trends: Sobald genug verschiedene Clips ein bestimmtes Audio verwenden, stuft TikTok dieses als „trending“ ein. Da solche „trending Sounds“ auf der Plattform besonders prominent platziert werden, versprechen sich echte Creators von deren Nutzung wiederum mehr Reichweite und verwenden sie in ihren eigenen Clips. Deshalb bettet CGP die Musik ihrer Kund*innen in unzähligen Beiträgen als Hintergrundsound ein und lässt einen Sound künstlich trenden. Somit führt die reine Inszenierung von Popularität zu echter, organischer Nutzung und Reichweite.

Darüber hinaus verbreitet die Firma laut eigener Angaben wiederholt bestimmte Videos, etwa von Liveauftritten oder Interviews ihrer Klient*innen. CGP-Gründer Andrew Spelman verwendet für solche Praktiken die Bezeichnung trend simulation.

Eine weitere ihrer Geschäftspraktiken zur gezielten Steuerung von Meinungen läuft unter dem Namen narrative campaigns und basiert auf der Idee, dass der erste unter einem Video sichtbare Kommentar besonders stark die Meinung von Usern prägt – und das noch bevor sie sich selbst eine gebildet haben. Geht also etwa ein Video eines wichtigen Auftritts um Mitternacht online, werden durch Chaotic Good Projects sofort massenhaft positive Reaktionen gepostet, noch bevor irgendeine „echte“ und vielleicht etwas kritischere Meinung zum Clip kommentiert werden kann.

Spelman räumt im Interview mit Billboard aus dem März 20261 selbst ein, dass TikTok-Reichweite sich oft gar nicht in Streams übersetzt. Und hier liegt auch schon eines der größten Probleme des Skandals: Es lässt sich bislang kaum erfassen, wie groß der Einfluss von CGP und vergleichbaren Agenturen auf aktuelle Diskurse ist.

Interessant ist aber zumindest, dass Chaotic Good Projects laut eigener Aussagen viele bereits etablierte Acts mit enormer Reichweite zu ihrem Kund*innenstamm zählt, darunter etwa Coldplay, Justin Bieber, Zara Larsson, Mumford & Sons und Travis Scott.

Wie ansteckend solche Methoden innerhalb der Branche wirken können, zeigt ein Artikel aus dem Guardian2. Schon im Sommer 2025, also lange vor dem öffentlichen „Skandal“, beobachteten Label-Manager*innen bereits besorgt den Hype um Geese. Sie fragten sich, ob sie bei ihren eigenen Acts ebenfalls so ein Marketing brauchen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Die professionelle Vorgehensweise fiel der Branche auch schon auf. Man vermutete dahinter eine Agentur, konnte das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht belegen.

Der Kern der Kritik rund um Geese & CGP

„Fake Fans“ von Eliza McLamb

Am 01. April 2026 veröffentlichte Musikerin und Podcasterin Eliza McLamb ein Essay unter dem Titel Fake Fans3. Auslöser war das eine Woche zuvor auch als Podcast erschienene Interview mit Chaotic Good Projects, in dem die Gründer ungewöhnlich offen über ihre Methoden sprachen.

McLamb beschreibt in ihrem Essay, wie sie sich aus Neugier durch die Website der Agentur klickte und so auf deren Kund*innenliste stieß. Dass dort bekannte Namen aus dem Mainstream-Pop auftauchten, überraschte sie kaum. Wirklich irritiert zeigte sie sich dann aber, als zwischen den für sie erwartbaren Namen plötzlich Artists wie Mk.gee, Dijon, Cameron Winter und eben auch Geese auftauchten. Diese waren für sie nämlich bislang der Inbegriff von organischem Wachstum durch Mundpropaganda und der Inbegriff von echten Fandoms.

Daraus entstanden bei ihr ein paar weitere für sie eher unangenehme Gedanken: Was, wenn der eigene Musikgeschmack viel stärker von algorithmischen Mechanismen geprägt ist, als man sich eingestehen möchte? Was, wenn manche Entdeckungen, die sich wie Zufälle anfühlen, überhaupt nicht zufällig sind?

Und genau dort setzt die eigentliche Kritik ihres Essays an. Aufmerksamkeit zu kaufen ist nun keine neue Sache. Doch wenn Agenturen Fan-Accounts betreiben, Diskussionen beeinflussen und Trends in großem Stil künstlich anstoßen, verschwimmt die Grenze zwischen echter Resonanz und strategisch erzeugtem Social Proof (also der menschlichen Tendenz, sich an den Handlungen und Meinungen anderer zu orientieren). Dabei geht es ihr vor allem darum, was das für Fandom als Ganzes bedeutet, also für jene Freundschaften und persönlichen Erinnerungen, die Musik überhaupt erst so bedeutungsvoll für Einzelne machen.

In ihrem Essay macht sie mehrfach deutlich, dass sie die Zwänge des heutigen Musikmarkts selbst kennt und vermutlich kaum jemand ein solches Angebot kategorisch ablehnen würde. Ihr Text liest sich deshalb vor allem als Reflexion über ein System, in dem Sichtbarkeit zunehmend algorithmisch getrieben wird. Entsprechend kreist das Ende ihres Essays vor allem darum, wie wir heute überhaupt noch über Fandom, Geschmack und kulturelle Bedeutung nachdenken.

„The Fanfare Around the Band Geese Actually Was a Psyop“ von WIRED

Knapp zwei Wochen nach Eliza McLamb griff auch WIRED-Autor John Semley das Thema auf und wirkte als Brandbeschleuniger der Debatte. Während McLamb in ihrem Text vor allem die Fan-Perspektive betrachtete, nahm Semley die industrielle Ebene stärker in den Fokus4. Sein Artikel sorgte für die entscheidende Aufmerksamkeit, die das Thema endgültig von einer brancheninternen Beobachtung zu einem breit debattierten „Skandal“ ausweitete.

In seinem Text beschreibt er, wie der scheinbar plötzliche Aufstieg von Geese im Netz Industry Plant– und PsyOp-Vorwürfe auslöste (was ich gleich noch etwas genauer einordnen werde). Im Zentrum stehen darüber hinaus die Inhalte des Billboard-Interviews und eine Bestätigung von Chaotic-Good-Mitgründer Adam Tarsia gegenüber WIRED, dass die Agentur tatsächlich für Geese und auch das Soloprojekt des Frontmanns Cameron Winter gearbeitet habe. Semley hält außerdem fest, dass Chaotic Good Projects kurz nach dem Erscheinen von McLambs Essay sämtliche Nennungen von Künstler*innen und jeden Verweis auf narrative campaigns von der eigenen Website entfernte.

Zur Einordnung zieht er Parallelen zu früheren Debatten über künstlich aufgeblähte Streamingzahlen und andere Formen fragwürdiger Reichweitenoptimierung in der Musikbranche. Weiterhin zitiert er im Artikel Marketingberater Darren Hemmings mit einer Warnung, dass bereits der Verdacht des künstlichen Aufbaus eines Acts zu langfristigen Imageschäden führen könne.

Dass es trotzdem ausgerechnet Geese in der Debatte so hart getroffen hat, wundert mich rückblickend nicht. Kaum eine andere Band wurde so penetrant als organisch gewachsener Geheimtipp verkauft, dem es eigentlich nur um die Musik geht. Genau dieses Versprechen bricht eindrucksvoll sichtbar in sich zusammen, sobald klar wird, dass im Hintergrund dieselbe Agentur mitmischt wie bei Coldplay oder Justin Bieber.

Industry Plant vs. PsyOp: Was ist dran an den Vorwürfen?

Wer die Debatte in den sozialen Netzwerken verfolgte, stieß vor allem auf zwei prominente Begriffe: Industry Plant und PsyOp. Aber was bedeuten diese Vorwürfe überhaupt und gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sie im Fall von Geese zutreffen könnten?

Industry Plant

Unter einer Industry Plant versteht man Künstler*innen, die sich als völlig unabhängige Underground-Entdeckung inszenieren, während im Hintergrund eigentlich ein Major-Label oder ein mächtiges Management mit viel Geld die Fäden zieht. Das hat durchaus Ähnlichkeiten zum Nepo-Baby – also jemandem, der vom prominenten Namen und/oder dem Wohlstand der Eltern profitiert. Die beiden Begriffe können sich überschneiden, müssen es aber nicht: Während das Nepo-Baby seine Privilegien offen durch die Familie hat, findet die Unterstützung bei der Industry Plant verdeckt in der Industrie statt. Als Industry Plant könnte man etwa die Girl Group Tic Tac Toe sehen, über die lange erzählt wurde, sie hätten sich zufällig auf einem Hip-Hop-Wettbewerb im Ruhrgebiet kennengelernt und nach einem spontanen gemeinsamen Auftritt einen Plattenvertrag erhalten. Mittlerweile ist klar, dass die Geschichte so nicht stimmt.5

Der Vorwurf ist hier also, dass ein Act von Anfang an kommerziell am Reißbrett durchgeplant wurde. Für viele ist das ein klarer Bruch mit dem Ideal der Authentizität, weil es den romantischen Glauben daran zerstört, dass ein musikalischer Durchbruch das wohlverdiente Ergebnis aus Schweiß, Leidenschaft und einer ehrlichen Entwicklung sein muss.

Auf Geese passt dieses Label laut vorliegender Informationen nicht. Die Band hat sich jahrelang in der Szene hochgearbeitet und veröffentlicht ihre Musik bei Partisan Records. Das ist zwar eines der wichtigsten und bekanntesten Indie-Labels überhaupt, aber eben auch kein Major-Konzern. Das hauptsächlich mit dem Durchbruch in Verbindung stehende Album Getting Killed ist bereits ihr viertes Album. Dem aktuellen Erfolg gingen also eine jahrelange Diskografie und verschiedene Tourneen voraus.

PsyOp

Neben der Industry Plant fiel in der Debatte aber noch ein zweiter und deutlich extremerer Begriff: PsyOp. Das ist die Kurzform für Psychological Operation, also psychologische Kriegsführung. Ursprünglich stammt das Wort aus dem Militär- und Geheimdienstbereich. Dort beschreibt es Kampagnen, mit denen die Stimmung oder Meinung einer Zielgruppe gezielt manipuliert werden soll.

Übertragen auf die Popkultur meint der Vorwurf mutmaßlich, dass ein Hype oder ein Act ein von oben gesteuertes Experiment sein soll. Hierbei soll gezielt die Wahrnehmung der Masse manipuliert werden, um ein bestimmtes Verhalten oder einen Trend zu forcieren.

Ob Geese eine PsyOp sein könnte, hat unter anderem der Journalist Justin Joffe auf seinem Blog The Tardigrade Times einzuordnen versucht. Für ihn ist das Wort „Psyop“ zwar übertrieben, die Debatte rund um Geese aber ein Beleg für das wachsende Misstrauen der Gen Z gegenüber modernem Marketing. Agenturen betreiben heute oft Perception Engineering: Sie simulieren so lange einen Hype, bis man glaubt, eine Band selbst entdeckt zu haben, obwohl der Erfolg künstlich beschleunigt wurde. Man wird so lange und so penetrant auf allen Kanälen mit der Band konfrontiert, bis das Gehirn die Band als wichtig abspeichert. Doch sobald diese Mechanismen zur Verhaltenskonditionierung sichtbar werden, geht für viele Fans die emotionale Verbindung zur Musik verloren.6

Einen vergleichbaren Blick auf die Schattenseiten der digitalen Vermarktung hat auch Journalistin Aida Baghernejad in ihrer Kolumne im Musikexpress. Sie schreibt, dass Marketingagenturen ihren eigenen Einfluss natürlich gern übertreiben, um sich selbst zu vermarkten. Allerdings gibt sie auch zu bedenken, dass die Chancengleichheit im Internet heute eine Illusion ist. Wer das Geld hat, um Agenturen für automatisierte Kampagnen zu bezahlen, kann Reichweite gezielt steuern. Der Kern ihrer Kritik konzentriert sich vor allem auf die Sorge vor einem totalen Vertrauensverlust: Wenn nun selbst im Indie-Bereich solche Manipulationsstrategien einziehen, lässt sich im Netz kaum noch unterscheiden, was real ist und was künstlich erzeugt wurde.7

Den Punkt, dass beim Agentur-Hype natürlich viel Marketingsprech im Spiel ist, greift auch der Netzkultur-Journalist Ryan Broderick auf, zieht daraus aber einen völlig anderen Schluss: Für ihn verkaufen diese Agenturen ausschließlich heiße Luft, um sich selbst wichtig zu machen. Weil handfeste Beweise oder konkrete Links zu den Bot-Netzwerken fehlen, hält er die Aufregung für völlig überzogen. Interessanterweise landet er am Ende aber doch ein Stück weit bei den klassischen Privilegien und Nepo-Dynamiken: Für ihn sind Geese ein traditioneller Indie-Act, der durch Talent und wohlhabende Eltern den nötigen finanziellen Rückhalt hatte, um groß zu werden.8

An dieser Stelle muss ich dann auch selbst meinen Senf zu der Sache abgeben, da mir eine Sache an Brodericks Betrachtung zu kurz gedacht ist: Er sagt, er habe die Accounts analysiert und für ihn sei klar, dass diese mit einer so geringen Reichweite keinen nachhaltigen Einfluss haben konnten. Ich sage aber: Die Abwesenheit von sichtbaren Beweisen ist kein Beleg dafür, dass im Hintergrund nicht doch erfolgreich manipuliert wurde. Orchestrierte Kampagnen und gefälschte Fan-Accounts lassen sich gut verschleiern. Was heute den Feed flutet, kann morgen schon wieder gelöscht sein – sei es, weil Spuren bewusst verwischt wurden oder weil die Plattformen selbst durchgegriffen haben. Genau das macht diese Form des Marketings ja so undurchsichtig: Durch eine extrem schnelllebige Dynamik aus Pushen, Fluten und wieder Löschen ist im Nachhinein schlicht nicht mehr nachweisbar, was wozu geführt hat. Ob ein Hype nun organisch entstanden ist oder durch ein von Marketing-Agenturen inszeniertes Trugbild erst ins Rollen gebracht wurde, lässt sich daher so nachträglich kaum mehr feststellen.

Dass ich trotz intensiver Suche bislang kein valides Beispiel für eine „PsyOp“ in der Popkultur finden konnte, lässt mich vermuten, dass der Begriff vor allem als rhetorischer Kampfbegriff in die Debatte eingebracht wurde. Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, doch da wir online ohnehin schnell zu Extremen tendieren, dient der Begriff meiner Einschätzung nach vor allem dazu, das Ohnmachtsgefühl gegenüber moderner Manipulation in möglichst drastische Worte zu fassen.

Während der Vorwurf der Industry Plant also durch die reale Bandgeschichte mühelos widerlegbar ist, verhält es sich mit der PsyOp-Thematik meiner Meinung nach etwas anders: Es gibt zwar konkrete Anhaltspunkte für das Misstrauen und eine intensive Debatte, aber eben keine finale Bestätigung. Da die digitalen Mechanismen im Nachhinein nicht mehr lückenlos nachvollziehbar sind, bleibt der Vorwurf mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiterhin unauflösbar.

Schein-Aufklärung: Wenn die Medienkritik selbst zum Hype-Werkzeug wird

Hier schließt sich dann jetzt auch endlich der Kreis zu dem Video, das mich überhaupt erst in dieses Rabbit Hole gestürzt hat. Denn meiner Analyse nach soll es lediglich den Anschein einer investigativen Recherche wecken, reproduziert aber am Ende selbst eine ganze Reihe manipulativer Mechanismen.

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Inszenierung einer großen Enthüllung

Das Video beginnt ab Sekunde eins mit einer übertriebenen Inszenierung: Dramatischer Musikaufbau, eine maskierte Person im Hoodie und die Ansage: Sie stecken hinter dem Hype eurer Lieblings-Artists. Sie ziehen heimlich die Fäden im Hintergrund… Die folgende Analyse einer Marketingstrategie wird von Anfang an wie ein geheimdienstartiger Komplott voller geheimer Machenschaften geframed. So entsteht die Erwartung einer ganz großen Enthüllungsgeschichte mit enormer Tragweite.

Die Ironie daran? Das Video stammt aus einem Format des Bayerischen Rundfunks. Das Format verspricht im Allgemeinen den Schlüsselmoment, der alles ausgelöst hat und Details, die selbst eingefleischte Fans noch nicht kannten. Die Macher*innen inszenieren es als eine Art investigative Aufklärung, aber… Achtung, kleiner Spoiler: liefern am Ende eine inhaltliche Tiefe, die eher an der Oberfläche kratzt und von viel zu vielen Suggestionen überschattet wird.

Mit meinen langjährigen Erfahrungen als Medienwissenschaftlerin und SEO-Consultant weiß ich natürlich zu gut, wie das Spiel läuft: Inhalte müssen für Zielgruppen und Algorithmen optimiert werden, damit sie überhaupt gefunden werden. Wenn der Optimierungszwang allerdings die inhaltliche Tiefe auffrisst, hört für mich das Verständnis auf. Und genau diesen Punkt sehe ich hier überschritten.

Künstliche Gemeinschaft, sozialer Druck & Social Proof

Das Format arbeitet mit geschickt eingewobenen Call-to-Actions und einer Sprache, die einen bereits nach 35 Sekunden das erste Mal zur Positionierung zwingt: Haut mal in die Kommentare, ob ihr Geese kennt!

Was auf den ersten Blick nach simpler Interaktion für den Algorithmus klingt, geht eigentlich noch tiefer. Denn wer nach so kurzer Zeit schon mit „Nein“ antwortet, fällt auf und outet sich im Kontext des Videos sofort als Teil einer vermeintlich uninformierten Gruppe, die komplett am „Hype“ vorbeigelebt haben muss.

Prompt werden Top-Listen erwähnt und ein Musikjournalist eingeblendet, der von einem killer record schwärmt, zu dessen Schlüsselsongs er immer und immer wieder zurückkehre. Doch es geht noch weiter: Während die Band als erste große Rockband der Gen Z geframed wird, zeigt das Video einen Ausschnitt aus dem britischen Dazed Magazine. Laut eigener Angaben erreichen Dazed und die dazugehörigen Mode- und Kulturmarken weltweit knapp 110 Millionen Menschen. Jetzt hypen also schon soo viele nahezu unumstößliche Autoritäten die Band! Das Video untermauert damit weiter den Eindruck, Geese seien kulturelles Allgemeingut, an dem man gar nicht vorbeikommen konnte.

Im Kontext der Kritik an den Marketingmethoden stellt der Sprecher schließlich fest: Ihre Musik ist gut, aber sie wollen raus aus der Bedeutungslosigkeit. Anscheinend haben sie lange genug manifestiert. Das finde ich spannend, weil dir da erneut das Urteil in den Mund gelegt wird, die Musik sei objektiv gut. Gleichzeitig schafft der Wink in Richtung Manifestation eine Identifikationsebene. Denn wenn jemand diese Praktik zu einem großen Thema gemacht hat, dann ja wohl die Gen Z.

Als es dann konkret um den kritischen Artikel bei WIRED geht, sagt der Sprecher wortwörtlich: Das WIRED Magazin hat einen Betrug gewittert. Sie sagen, der Hype um Geese ist fake, einfach erfunden. Und wir alle wären drauf reingefallen! Aber wie soll das denn gehen, der Coachella-Auftritt, die Fans, die Reviews, das ist doch alles real, oder? Und wow… hier kommen soo viele Sachen auf einmal zusammen:

Der Sprecher beginnt mit einem klassischen Strohmann-Argument: Er behauptet, WIRED würde den Hype um Geese als komplett „Fake“ und „erfunden“ bezeichnen – wohlwissend, dass das einen Fan sofort in eine Verteidigungshaltung bringt. Das Ding ist nur: Der Artikel stellt gar nicht die Existenz des Hypes infrage, sondern kritisiert die industriellen Methoden der Agentur Chaotic Good Projects.

Das Video drängt Fans damit direkt in eine emotionale Sackgasse: Es erzeugt ein künstliches „Wir“ der Fans mit ihren echten Empfindungen, das nun gegen das vermeintlich böse WIRED-Magazin mit seinen angeblichen Betrugsvorwürfen steht. Sie sollen glauben, WIRED wolle ihnen ihre Begeisterung und ihr Urteilsvermögen absprechen, weil sie angeblich auf eine Täuschung hereingefallen sind.

Durch die Aufzählung scheinbar unumstößlicher Fakten wie dem Auftritt auf dem Coachella Festival und diverser positiver Reviews werden die Fans in ihrer Position weiter bestärkt.

Und dann sagt der Sprecher auch noch folgendes: Findet ihr die Musik von Geese scheiße? Wir nicht! Und die Fans auch nicht! Hype allein reicht nicht aus, man braucht trotzdem gute Musik.

Durch die extrem subjektiv angelegte Schwarz-Weiß-Frage scheiße oder nicht wirst du praktisch dazu gezwungen, dich entweder auf der Seite der loyalen Fans oder der der „Kulturbanausen“ bzw. Hater zu positionieren. Indem der Sprecher die Qualität der Musik nun wieder einmal pauschal zur unanfechtbaren Tatsache erklärt, stellt er auch den „Hype“ als unumstößlichen Fakt hin. Wer diesen Hype und/oder die zur Debatte stehenden Methoden hinterfragt, stellt sich gegen die Gemeinschaft. Und das, während wir uns alle doch nach Zuspruch sehnen. Was er dabei komplett ignoriert: Es gäbe überhaupt keinen Widerspruch darin, dass eine Band talentiert ist und ihr Erfolg gleichzeitig durch manipulative Algorithmus-Strategien beschleunigt wurde. Das eine schließt das andere nicht aus. Im Video wird aber so getan, als seien es klare Gegensätze.

Hier greift dann auch ein psychologischer Mechanismus, der mich an das berühmte Konformitätsexperiment von Asch erinnert: Menschen neigen dazu, sich dem Gruppenurteil anzuschließen, auch wenn wir innerlich anderer Meinung sind oder keine Ahnung haben. Und das nur, um nicht als Außenseiter*in dazustehen. Doch genau in diese Ecke will dich das Video drängen. Du bekommst eine Stimmung und Meinung präsentiert, der du dich kaum entziehen kannst. Wieder ein klassischer Fall von Social Proof.

Kleiner Fun Fact dazu: Menschen auf dem autistischen Spektrum (und zum Teil auch mit ADHS) scheinen hier möglicherweise tendenziell etwas anders zu ticken. Studien deuten darauf hin, dass sie sich bei Unsicherheit eher an den vorliegenden Fakten und ihrer eigenen Wahrnehmung orientieren und seltener umzuschwenken, nur weil die Gruppe etwas anderes behauptet.9

Entwaffnung der Kritik durch Transparenz

Das Video inszeniert sich von Sekunde eins an als Aufklärungsformat. Es gibt vor, investigativ hinter die Kulissen zu blicken, obwohl es eigentlich nur die Erkenntnisse anderer Medien neu verpackt und stark framed. Es verkauft dem Publikum das Gefühl, den „System-Hack“ endlich durchschaut zu haben. Ähnlich wie bei Verschwörungsmythen schmeichelt das dem Ego: Man genießt den Glauben, mehr zu wissen als der ahnungslose Mainstream.

Mit Verweisen auf die bezahlte Radio-Promo der 80er-Jahre und eine Kampagne der Deutschen Bahn wird das Geschehen rund um Geese und Co. historisch legitimiert. Das Heranziehen dieser Vergleiche suggeriert: Das ist alles nichts Neues und damit leider eine absolut unvermeidbare, „natürliche“ Entwicklung. Mit dem Satz Don’t hate the player, hate the game verteidigt der Sprecher Manipulation als heutzutage nun einmal notwendige Überlebensstrategie für „echte“ Künstler*innen.

Fans erfahren so eine moralische Entlastung. Wer ohnehin schon überzeugt ist, verfällt hier nur allzu leicht dem Confirmation Bias. Man selektiert Informationen unbewusst so, dass das positive Bild der Band bestehen bleibt. Unbequeme Fakten werden dabei ausgeblendet. Die Praktiken wirken vielleicht fragwürdig, aber das Video liefert eine beruhigende Erklärung: Die Band kann doch nichts dafür. Durch diesen vermeintlichen Freispruch verliert jede Kritik deutlich an Schärfe und wird leichter beiseitegeschoben. Eine genauere Prüfung findet dann oft gar nicht erst statt, weil man sich den Spaß an der Band schließlich nicht nehmen lassen will.

Egal, ob man Fan ist, das Marketing und/oder die Band kritisch sieht: Das Video macht Aufklärung zu etwas, das man einfach bequem und zeitsparend konsumieren kann. Man schaut es, fühlt sich dadurch umfassend informiert und übernimmt zunächst die vorgefertigte Deutung. Dabei geht schnell unter, dass auch diese Art von „Aufklärung“ nicht neutral ist. Sie zeigt zwar Kritik an Marketing und Manipulation, entscheidet aber immer noch selbst, was sie hervorhebt und wie sie es erzählt. Weil sie sich selbst aber als Aufklärung versteht und framed, denkt man oft gar nicht mehr darüber nach, dass auch sie eine bestimmte Sichtweise erzeugt.

Zur Illustration ein konkretes Beispiel aus dem Video: Die verantwortliche Agentur wird erst durch Hoodie und Maske mystifiziert, um dann durch einen Witz wieder als „harmlose“ Agentur dargestellt zu werden. Und wenn Quellen wie Wired oder der Guardian plötzlich zusammen mit „ein wenig Vorstellungskraft“ in einen Topf geworfen werden, stellt das recherchierte Fakten auf das gleiche Seriositätslevel wie eigene Spekulationen.

Apropos Spekulationen: Zwar werden Aspekte der Marketing-Strategien aufgezeigt und grundlegend erklärt, aber stark in ein spekulatives Umfeld eingebettet. Der Sprecher betont, man wisse natürlich nicht sicher, hinter welchen einzelnen Postings die Agentur genau stecke und ob diese am Hype beteiligt waren oder nicht. Aber es ist zumindest sicher, dass die Band – natürlich wie auch andere schon bekanntere Stars, man muss es ja weiter relativieren – zum Kund*innenstamm der Agentur gezählt habe.

Wie bereits weiter oben geschrieben, teile ich sogar die Einschätzung, dass sich der tatsächliche Einfluss der beschriebenen Marketing-Taktiken nur schwer beweisen lässt und man deshalb vorsichtig bleiben muss. Das Problem ist eher der Platz der Aussage innerhalb der Argumentation des Videos. Erst wird mit Skandal und vermeintlicher Aufklärung Aufmerksamkeit erzeugt, kurz darauf werden die entscheidenden Punkte dann aber wieder relativiert. Das wirkt ein bisschen so, als habe man sich mit einer bestimmten Prämisse an das Video gesetzt, um dann im Verlauf der Produktion festzustellen, dass man die so überhaupt nicht belegen kann. Und um zu Redaktionsschluss dann aber was vorliegen zu haben, wurde trotzdem einfach durchgezogen. Am Ende wirkt die im Video angewandte Transparenz wie ein Weichzeichner: Sie zeigt dir zwar die negativen Seiten des Systems, nimmt dir gleichzeitig aber den Drang, es wirklich angreifen zu wollen.

Und genau genommen ist das alles ja noch ein Stückchen absurder: Man fühlt sich durch das Video zwar wie ein informierter „Insider“, der die Mechanismen durchschaut hat, wird aber gleichzeitig auch Teil jener Metrik, die den Erfolg der Band überhaupt erst ermöglicht. Man konsumiert die Kritik, konsumiert dabei aber gleichzeitig das Produkt. Und am Ende bleibt die Frage nach der Substanz hinter dem Hype ungeklärt, weil die Befriedigung, über ein Thema „Bescheid zu wissen“, den tiefergehenden inhaltlichen Anspruch ersetzt hat.

Die Underdog-Falle & Wahrheit durch Wiederholung

Recht früh im Video werden Geese als eine DER Newcomer-Bands in den USA bezeichnet, als auf jeden Fall artsy frisch und anders, real, nicht aufgesetzt und es wird betont, dass es ihnen natürlich nur um die Musik ginge. Krass, das steht ja so oder zumindest so ähnlich nur in fast allen Promotexten, die ich im letzten Jahrzehnt über beliebige Bands und Artists gelesen habe!

Der Sprecher bezeichnet die Band explizit als Gegenkultur zu den David Guettas [sic! Der Plural ist Absicht!] und Elevator Boys unserer Zeit, und framed sie damit als authentische „Underdogs“, die den Platz in der A-Liga im Gegensatz zum vermeintlichen Einheitsbrei verdient hätten. Im historischen Teil des Videos wird auch zusätzlich noch einmal betont, ihre Musik habe sich laut Kritiken schon früh durch einen hohen Wiedererkennungswert des Sounds ausgezeichnet. Der Sprecher steigert dann auch kurzerhand einfach mal das Bekanntheitslevel der Band: Trotzdem bleibt die Band ein Geheimtipp und wird übersehen… bis plötzlich: BOOM! Weltstars! Basically über Nacht!

In diesem Narrativ des Übersehenwerdens schwingt implizit mit: Wer die Band schon länger hört, hat einen besonders exklusiven Geschmack und der Mainstream war schlicht zu träge, um die Genialität rechtzeitig zu erkennen. Ich verstehe den Frust über die geringe Reichweite bestimmter Artists, aber was haben solche Färbungen uneingeordnet in einem Video zu suchen, das die vermeintliche Wahrheit hinter einem mutmaßlichen Hype aufdecken will?

Wenig später heißt es: Ihre Musik ist gut, aber sie wollen raus aus der Bedeutungslosigkeit. Trotzdem wird betont, es sei ja gar nicht sicher, ob der Erfolg wirklich an der Social Media Promo der engagierten Firma läge. Das wirkt auf mich wie ein Zurückweichen von der eigenen These: Man nutzt die Kritik als Aufhänger und relativiert sie dann so viel wie möglich, weil man sich ja irgendwie doch nicht so richtig festlegen will.

Bemerkenswert ist das auch im Kontrast zu den eingesetzten Quellen zur Legitimierung der Band: So werden zum Teil vage Quellen wie „Viele“ herangezogen, und es wird als „Fun Fact“ eingestreut, dass dem Frontsänger eine Dating-Geschichte mit Olivia Rodrigo nachgesagt wird, weil sie mit ihm mal zusammen essen war. Also wenn das so ist, dann muss man die jetzt aber wirklich kennen?!

Über die gesamte Videolänge hinweg werden so immer wieder vergleichbare Anker gesetzt: die angeblich unumstößliche Qualität des Albums, prestigeträchtige Auftritte, positive Kritiken, das Wir-gegen-die-Narrativ. Das alles sind Informationen, die nach genug Wiederholung irgendwann automatisch als Tatsache wahrgenommen werden.

Bei einem kurzen anekdotischen Interviewschnipsel wirkt es für einen kleinen Moment so, als würde das Video kurz wirklich auf eine kritischere Seite wechseln. Dort sagt der Sprecher nämlich vorab: Viel, was aussah wie der Hype um eine Band, könnte Illusion gewesen sein. Da sieht man den Interview Ausschnitt hier gleich mit ganz anderen Augen. Im Ausschnitt selbst gibt ein Bandmitglied an, sein Social Media Feed sei voll mit Geese-Memes. Der Interviewer bestätigt: Yeah, you’re all over my algorithm as well.

Der kritische Moment hält leider nur genau so lange, bis der nächste Satz kommt: Es werden weitere Firmen mit vergleichbaren Konzepten genannt. Der ehemalige CEO eines solchen Konkurrenten wird mit der Behauptung zitiert, 90 Prozent aller Social-Media-Feeds bestünden aus gesteuerten Kampagnen. Wie er auf diese Zahlen kommt, wird dabei nicht hinterfragt. Und ab da wird das Video wieder wohlwollender: Image war schon immer Teil des Musikbusiness, gewisse Praktiken gab es mindestens seit den 80ern. Die kurze Irritation wird also sofort in die nächste Relativierung übergeleitet.

Das Ganze mündet in einer Frage, die das Ergebnis bereits ein Stück weit vorhält: Findet ihr die Musik scheiße? WIR nicht! — You don’t say?!

Und eine konkrete Sache stößt mir hier zusätzlich sauer auf, auch wenn sie fairerweise ein Stück weit über den Inhalt des Videos hinausgeht: diese krasse Selbstverständlichkeit, mit der Acts in der Öffentlichkeit je nach Geschlecht und Genre für dieselben Dinge komplett unterschiedlich bewertet werden.

Die eher männlich dominierte Indie-Rock-Band Geese stand auf der Kund*innenliste einer Marketingagentur, deren mutmaßliche Methoden schlicht manipulativ sind. In der Debatte rückt das aber überraschend schnell in den Hintergrund. Die Band wird reflexhaft in Schutz genommen und es wird nach Belegen gesucht, warum sie ihren Erfolg auf jeden Fall verdient habe.

Der Musikerin Taylor Swift wird dagegen bis heute vorgeworfen, im Grunde ein Kunstprodukt wohlhabender Eltern zu sein. Pikanterweise haben auch Geese, wie oben erwähnt, offensichtlich wohlhabende Eltern, nur kreidet ihnen das komischerweise niemand mit einer annähernd vergleichbaren Vehemenz an. Taylor erhielt mit 14 einen Songwriting-Vertrag, unterschrieb mit 15 ihren ersten eigenen Plattenvertrag und ist mittlerweile seit über 20 Jahren im Geschäft. An Universitäten werden Seminare über die Genialität ihrer Songtexte gehalten. Und trotzdem heißt es bei ihr ständig ich verstehe den Hype nicht.

Bei der Musik selbst verhält es sich ähnlich: Geese werden für ihre musikalische Vielseitigkeit als Genies gefeiert. Taylor spielt mehrere Instrumente und hat ihren Stil mit fast jedem Album konsequent weiterentwickelt, dabei aber sogar stets ihren Wiedererkennungswert behalten. Bei ihr wird dieselbe Eigenschaft plötzlich als klingt doch eh alles gleich abgetan, was schlicht nicht stimmt.

Was das Video aus meiner Sicht wirklich leistet

Wer nach zehn Minuten Dauerbeschallung mit angeblicher Relevanz, Autoritätszitaten und Underdog-Erzählung immer noch zweifelt, gilt spätestens jetzt als vollkommen geschmacklos. Der eigentliche Fokus des Videos hat sich nämlich komplett verschoben: Es geht erschreckend wenig darum, ob der Hype fake ist. Stattdessen hat sich das Video in ein Essay darüber verwandelt, ob der Erfolg von Geese berechtigt sei, nur um dir dann zu diktieren, dass die Musik gut sei und die Band ihren Erfolg dementsprechend verdient habe.

Solltest du trotz des permanenten Drucks doch noch einen Funken an übriger Skepsis in dir spüren, beginnt dein Gehirn wahrscheinlich bald mit dem Kampf gegen deine kognitive Dissonanz. Das ist jener innerer Konflikt, der entsteht, wenn deine eigene Skepsis und der mediale Hype unvereinbar aufeinanderprallen. Während du also irgendwo zwischen Das ist doch alles nur kalkuliert und nervt und Alle feiern die Band ein Stück weit Unbehagen verspürst, suchst du plötzlich aktiv nach Gründen, warum die Band und das komplette Drumherum tatsächlich gut sein könnten. Damit landest du in einer Verteidigungshaltung, die dich psychologisch an eine Band bindet, deren Einfluss du eigentlich kritisch hinterfragen wolltest.

Gemessen an dem, was das Video eingangs versprach, bleibt am Ende erstaunlich wenig Erkenntnisgewinn. Die groß inszenierte Enthüllung besteht letztlich darin, dass Musikmarketing existiert, dass sich Aufmerksamkeit strategisch steuern lässt und dass dabei mutmaßlich manipulative Methoden zum Einsatz kommen, deren Erfolg sich allerdings nur schwierig nachweisen lässt. Der Rest besteht aus Lobpreisungen der Band, die ihren Erfolg ja unabhängig von den Manipulationsvorwürfen ohnehin verdient hätte.

Persönliche Anekdote: Früher Fans, heute Dienstleister

Als ich mir das Video zum ersten Mal angesehen habe, musste ich bei der Enthüllung der vorgestellten Marketingmethoden zum Teil müde lächeln. Manches davon kenne ich nämlich schon von vor knapp 15 Jahren:

Kurz vor der Zeit meines Schulabschlusses war ich Teil der Szene rund um einen deutschen Musiker. Zu Beginn war ich einfach nur ein normaler Fan… bis er mich bemerkte. Er erwähnte meinen Namen öfter, erfüllte in Streams meine Musikwünsche und machte mich schließlich dort zur Chat-Moderatorin. Irgendwann suchte er sich gezielt ein paar Leute aus, die ihm „gut genug“ erschienen, und lud sie in eine exklusive Supportgruppe ein. Dort lockte er mit Dingen, die für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich waren: exklusive Streams, Erwähnungen in Songs und Streams und das Gefühl, näher dran zu sein als alle anderen. Selektive Nähe wie diese ist natürlich ein unglaublich starkes Bindungsmittel. Wenn du einmal nah genug dran bist, willst du nicht enttäuschen und möglicherweise deinen Rausschmiss riskieren.

Und mit diesem Druckmittel in der Hand rief er unsere Support-Crew beispielsweise aktiv dazu auf, unzählige Fake-Accounts anzulegen. Die Accountdaten dafür mussten wir transparent in einer Gruppe teilen. Wir wurden dann dazu gebracht, positive Kommentare über ihn zu schreiben und diese gegenseitig hochzuvoten. Da ihm das aber bald zu ineffizient erschien, stieg er darauf um, seine Eigenwerbung unter nur ansatzweise passende Videos zu posten. Natürlich mussten wir auch diese hochvoten.
Wer engagierter war als andere, wurde als besonders guter Fan herausgehoben. Einmal erlebten wir aber auch einen Wutausbruch, weil wir eine Aufgabe nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllt hatten. Deshalb drohte er uns auch wiederholt damit, seine Musikkarriere zu beenden.

Schon die Fake-Accounts fand ich eigentlich falsch. Doch ich hatte mir den Ruf als bekannter, verlässlicher Fan hart erarbeitet, und genau dieser Status war mir damals noch zu wertvoll, um ihn einfach wegzuwerfen. Die perfide Logik dahinter: Je mehr du investierst, desto „teurer“ wird der Ausstieg und desto länger redest du dir ein, dass es das alles noch wert ist.

Dann kamen meine Abiturprüfungen dazwischen und ich zog mich aus der Promo zurück. Der Künstler bemerkte allerdings, dass ich weiterhin online war und machte mir daraus direkt einen persönlichen Vorwurf: Wer trotz Abiturvorbereitungen online sein konnte, dem war seine Musik offenbar nicht wichtig genug. Dabei hatte ich eigentlich prokrastiniert und wollte einfach mal frei von Verpflichtungen und Erwartungen sein. Dass er nun ausgerechnet das gegen mich verwendete, verriet mir letztlich alles, was ich über die Natur unserer „Beziehung“ wissen musste.

Ich zog meine Konsequenzen und verließ die Gruppe. Später erfuhr ich, dass er anderen aus der Gruppe sogar gedroht hatte. Dem einen, weil er sich zu gut mit der Freundin des Musikers verstand. Einer anderen, weil sie von Neulingen in den Kommentaren wegen einer Namensähnlichkeit verwechselt wurde. Und obwohl sie die Situation sofort aufklärte, schäumte der Musiker vor Wut über einen angeblichen „Identitätsdiebstahl“.

Warum ich diese Geschichte hier erzähle? Weil mir sofort Parallelen aufgefallen sind. Bei uns lief das alles natürlich manuell, auf persönlicher Ebene und war damit im Zweifel relativ leicht nachweisbar. Chaotic Good Projects gibt zwar an, dass an ihrer Arbeit nichts automatisiert laufe, aber behaupten kann man ja viel, wenn der Tag lang ist und die Begriffsdefinitionen schwammig sind.

Was ich aus eigener Erfahrung zumindest sagen kann: Solche Methoden funktionierten schon vor 15 Jahren. Und ich sehe keinen Grund zur Annahme, wieso es heute nicht genauso klappen sollte. Natürlich kann es jederzeit auffallen, aber mindestens genau so schnell lassen sich die Spuren eben auch wieder verwischen.

Wer profitiert vom Skandal?

Wenn sich am Ende ohnehin kaum beweisen lässt, was wie gewirkt hat, hilft vielleicht ein Perspektivwechsel: Weg von der Frage, ob manipuliert wurde und hin zur Frage, wer am Ende von allem profitiert haben könnte. Das lässt sich sowohl spekulativ als auch mit Blick auf nüchterne SEO-Mechanismen angehen.

Gedankenexperiment: Berichterstattung als eigentlicher Coup

Je länger ich mich mit dem Video und weiteren Hintergründen des „Skandals“ beschäftigt habe, desto mehr drängte sich mir eine zugegebenermaßen ziemlich spekulative Frage auf: Was, wenn der eigentliche Geniestreich gar nicht die Marketing-Methoden an sich sind, sondern die Berichterstattung über sie?

Gehen wir einfach mal davon aus, Ryan Broderick habe Recht und die offengelegten Marketingmethoden hätten bei Geese überhaupt nicht geklappt: WIRED, The Guardian, Stereogum, Billboard, unzählige Newsletter und Podcasts haben den „Skandal“ trotzdem aufgegriffen und Geese sowie Chaotic Good Projects dabei in einem Atemzug mit Coachella, SNL und diversen Jahresbestenlisten genannt. Kostenlos, mit riesiger Reichweite und mit einem Publikum, das weder Band noch Marketingagentur auf den üblichen Wegen in dieser Größenordnung erreicht hätten. Eine Firma, die ihren eigenen Einfluss im Billboard-Interview so selbstbewusst anpreist, hat ein handfestes Eigeninteresse daran, dass in jeglicher Form über sie gesprochen wird.

Auch das Timing der Ereignisse halte ich mindestens für auffällig: Chaotic Good Projects ging im Februar 2025 und damit nur wenige Monate vor Release des Geese-Durchbruchsalbums Getting Killed an den Start. Bereits rund um den Release der Vorab-Single Taxes im Juli bemerkten Brancheninsider*innen einen massiven Anstieg des Hypes um Geese und Cameron Winter. Als die Agentur knapp ein halbes Jahr nach Erscheinen des Albums im Billboard-Podcast offen über ihre Arbeitsweise sprach, dürfte den Marketing-Expert*innen klar gewesen sein, dass sich jemand ihre Website ansehen und eine mögliche Verbindung zwischen Agentur-Gründung und Band-Hype ziehen könnte.

Nur einen Tag nach Erscheinen von Eliza McLambs Essay überarbeitete die Agentur dann auch noch Teile ihrer Website und ließ dabei unter anderem Geese von der öffentlichen Kund*innenliste verschwinden. So wurde nicht nur einmal über sie berichtet, sondern durch die plötzliche Löschaktion gleich nochmal Zündstoff für eine weitere Welle an Berichterstattungen nachgelegt. Konkret beweisen lässt sich hier natürlich wieder einmal nichts, aber so komplett zufällig wirkt dieses Timing eben auch nicht.

Wie der Skandal selbst zum Algorithmus-Futter wird

Zuletzt mag ich noch einen kleinen Insight aus meiner Berufspraxis geben: Im Bereich der Suchmaschinenoptimierung (SEO) ist längst bekannt, dass bereits reine Erwähnungen eines Namens algorithmisch relevant sind. Suchmaschinen wie Google und KI-gestützte Chatbots wie ChatGPT und Co. bewerten dabei vor allem, ob ein Text Expertise zeigt und der Zielgruppe einen echten Nutzen bringt.

Man kann sich das ungefähr so vorstellen: Die Top-Suchergebnisse zu einem Thema entscheiden sich nach Faktoren wie Klicks, Verweildauer, Verlinkungen und einigem mehr. Wer etwas im Internet sucht, hat eine Erwartungshaltung. Wird sie erfüllt, bleibt man länger auf dem ausgespielten Inhalt, kommt eventuell sogar mehrfach zurück, empfiehlt weiter… Und wenn nun in den meistgeklickten Artikeln zu einer Band und einer Marketingagentur immer wieder dieselben Zuschreibungen auftauchen, setzt das direkt auf zwei Ebenen an:

  1. Es zementiert ein bestimmtes Narrativ durch reine Wiederholung
  2. Es definiert den Maßstab dafür, was weitere Inhalte über die jeweiligen Themen enthalten müssen, um überhaupt als relevant zu gelten

Dabei wiegen nicht alle Erwähnungen gleich schwer. Quellen wie Billboard oder The Guardian haben durch ihren lange aufgebauten Ruf eine hohe algorithmische Autorität. Der Effekt läuft hier gleich in zwei Richtungen:

  1. Ein hoch angesehenes Medium wie Billboard oder WIRED berichtet selbst über Band und Marketingagentur
  2. Alle, die über den „Skandal“ schreiben, erwähnen die großen Medien im Kontext und/oder verlinken sie als Quelle – wodurch der Name der Band, die Marketingagentur und die großen Medien immer wieder quer durch unzählige weitere Texte in einem gemeinsamen Kontext auftauchen.

Je öfter ein Name in bestimmten Kontexten erscheint, desto klarer ordnen Algorithmen ein, wer oder was das ist. Allein die Masse an Texten, die Geese in den letzten Wochen im Kontext von Coachella, SNL, Jahresbestenlisten und hochkarätigen Branchenmedien platziert haben, dürfte die algorithmische Kontextualisierung der Band messbar beeinflusst haben. Und das wiederum beeinflusst nicht nur ihre Sichtbarkeit, sondern auch die öffentliche Wahrnehmung davon, wer diese Band ist, welche Bedeutung sie hat und wie außergewöhnlich gut ihre Musik angeblich ist.

Fazit

Eins ist klar: Der SEO-Logik bin ich mit meinen zwei Texten selbst auf den Leim gegangen. Ich trage mit meinen Artikeln aktiv dazu bei, dass Geese im Netz noch öfter im Kontext bestimmter Themen auftauchen. Mich treibt dabei vor allem der Gedanke, dass es wichtiger ist, die versteckten Mechanismen zu durchschauen. Denn wer sie einmal bemerkt hat, erkennt sie leichter wieder und geht bei der nächsten Band, dem nächsten Hype oder der nächsten Empörungswelle vielleicht schon etwas kritischer damit um.

Auch meinen Abwehrreflex gegen das Video und die Kommentare kann ich mir inzwischen erklären. Mein Musikgeschmack ist extrem vielseitig. Trotzdem wird sich nach wie vor über Teile davon lustig gemacht und das tut mir nach wie vor weh. Dazu mischte sich die Angst davor, möglicherweise den Anschluss verloren zu haben. Ich beschäftige mich ständig mit neuer Musik, aber trotzdem ist dieser ach so allgegenwärtige Hype komplett an mir vorbeigegangen.

Durch die Recherche zur tatsächlichen Größe des Phänomens und das genaue Auseinandernehmen des Videos weiß ich jetzt, was los war: Neben der Tatsache, dass die Band einfach nicht meinem persönlichen Musikgeschmack entspricht, wurde mir auch nie eine faire Chance dazu gegeben, mir selbst eine Meinung zu bilden. Stattdessen bekam ich unter dem Deckmantel der vermeintlich neutralen Aufklärung eine fertige vorgesetzt. Das habe ich bereits unterschwellig bemerkt und mich reflexartig dagegen gewehrt.

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