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Wie oft habt ihr schon weniger als eine Stunde gebraucht, um zu einem Festival mit über 10.000 Besucher*innen zu kommen? Ich habe schon einmal ein kleines Konzert knappe 300 Meter von meiner Wohnung entfernt besucht, aber diese Erfahrung war dann doch neu für mich.

Ich rede hier übrigens vom Campus Festival Bielefeld, welches nach einer Corona-Zwangspause am 16. Juni 2022 endlich wieder stattfinden konnte. Ich war dabei und habe ein paar gute, aber auch leider ein paar negative Erfahrungen mitgebracht, die den meisten Besucher*innen aber wahrscheinlich aus ihrer Perspektive gar nicht aufgefallen sein dürften.

Wieso der Bericht erst jetzt kommt? Nun, die Fotos waren schon länger fertig, allerdings habe ich durch Hauptjob und Privatleben (unter anderem mein erster richtiger Urlaub seit über 10 Jahren) nun erst geschafft, das alles noch einmal Revue passieren zu lassen.

Die Anreise

Schon auf dem Weg nach Bielefeld wird schnell deutlich, dass in der Nähe ein Festival steigen wird: In meiner Regionalbahn treffen Reisende mit großem Gepäck auf Gruppen junger Menschen ohne große Taschen und dafür aber mit Wegbier in der Hand. Für mich fühlt sich das irgendwie falsch an, befinden wir uns doch gerade eigentlich inmitten einer Pandemie. Doch dieses Gefühl soll an dem Tag noch deutlich zunehmen.
In Bielefeld angekommen halte ich mich einfach an die Massen junger Menschen, die zu einem großen Teil auch zur Universität wollen. Nur den Eingang zum Festivalgelände finde ich dadurch leider nicht auf Anhieb. Trotz vorheriger Ansicht des Geländeplans hätte man den meiner Meinung nach echt etwas deutlicher machen können.

Das Gelände

Ich genieße den Luxus, als Teil der Presse etwas eher als das Publikum auf das Gelände zu gelangen und einen ersten Blick auf alles werfen zu können. So kann ich mir ein Bild davon machen, wie weit die Distanzen zwischen den verschiedenen Bühnen sind.

Weit am Anfang des Festivalgeländes reihen sich ein NGO-Stand mit Petition zum Lieferkettengesetz an den eines Fitnessstudios mit Glücksrad. Wilde Entscheidung, aber kann man machen.
Die Essensstände halten gefühlt alles von Pommes über Pizza und Döner und Asianudeln bis hin zu Crêpes bereit. Bei Anblick der Preise wird mir wieder einmal deutlich, dass wir uns hier definitiv auf einem Festival befinden. Nirgendwo anders habe ich sonst Döner für 7 Euro gesehen.
Was mir auf Anhieb gut gefällt, ist die große Wiese, auf die man sich zumindest zu Beginn noch gut niederlassen kann. Doch lange möchte ich mich damit nicht aufhalten, das Bühnenprogramm soll schließlich kurz nach Einlass schon starten. Ich hole mir also die fehlenden Informationen bei Teilen des Organisationsteams ein und los geht’s…

Das Festival

Kurz zum groben Ablauf des Festivalprogramms: Es werden immer zeitgleich die Stereo Bühne und die Hertz 87.9 Bühne bespielt, ehe es nahtlos auf der großen Hauptbühne weitergeht. Für den Elektro Floor eines großen Getränkeherstellers und die Slam-Bühne habe ich ehrlicherweise als Einzelperson überhaupt keine Zeit, wenn ich das Festival noch irgendwie genießen möchte.

Ich entscheide mich für einen Start an der Hertz 87.9 Bühne mit dem Sunday Chocolate Club. Und ey, der musikalische Start mag etwas holprig sein, aber der Umgang damit macht die Band für mich erst recht super sympathisch.

Hier wird von der Drummerin auch gleich klargestellt: Die Indie Kids bleiben hier und für den Punkrock geht’s zur anderen Bühne. So gern ich bei den Dreien geblieben wäre, muss ich da dann auch erstmal hin, weil ich ja möglichst die musikalische Bandbreite des Campus Festivals abbilden möchte.

Auf der Stereo Bühne spielen nun die Sidewalk Surfers. Hier sehe ich dann auch erste zarte Versuche eines gelösten Tanzens im Publikum und irgendwie macht die Musik echt Bock. Wenn das so weiter geht, wird das noch ein richtig guter Tag.

Nun möchte ich aber auch mal sehen, was an der Hauptbühne so geht. Die ersten Fans haben es sich in den vorderen Reihen gemütlich gemacht für eine Künstlerin, von der ich zugegebenermaßen vorher noch nie etwas gehört habe. Umso erstaunt bin ich über die vielen „NIIIINA!“-Rufe und Fischerhüte, wie auch Nina Chuba selbst einen trägt. Und wow, was soll ich sagen? Diese Frau hat nicht nur Energie, sondern auch eine klasse Ausstrahlung.

Musikalisch mögen wir nicht immer auf einer Wellenlänge sein, aber mir gefällt prinzipiell, was sie da tut und wie sie die Leute mit einer Mischung aus ernsten Themen und Party mitreißen kann.
Als sie mit einem „die anderen Städte sind ausgerastet und ich will, dass ihr da ran kommt!“ zu Moshpits aufruft, kommen mir zwei Fragen in den Kopf geschossen:
1. Seit wann macht man das eigentlich zu Hip Hop und
2. Fühlt sich das echt nur für mich so komisch an, das während einer Pandemie vom Publikum zu fordern? Mag sein, dass das alles hier im Freien stattfindet, aber laut meiner Timeline haben sich genug Fangruppen auch auf Festivals infiziert und ich war immer etwas ungläubig, wenn es dann hieß „aber für diesen Abend hat sich das absolut gelohnt!“

Auf der Hertz 87.9 Bühne spielt währenddessen eine Band, bei der ich zunächst dachte, beim Bandnamen wäre jemand lediglich auf seiner Tastatur ausgerutscht und habe dabei versehentlich die Hälfte der ersten Buchstabenreihe abgeräumt.

QWERTZ mögen optisch extrem schräg anmuten, aber musikalisch überraschen sie mich ziemlich. Eigentlich habe ich ziemliche Vorbehalte vor Musik mit Blasinstrumenten, aber die Drei schaffen es doch tatsächlich, dass mir ihre Musik gut ins Ohr geht. Danke dafür!

Weiter geht’s für mich mit Girlwoman auf der Stereo Bühne. Leider ist das Licht zu so einer Uhrzeit noch immer etwas bescheiden, aber wenn ihr meine Bilder hören könntet, wärt ihr sicher ähnlich fasziniert wie ich.

Ich kann nur sagen: Was für eine krasse Stimme! Die Musik hat irgendwas von futuristischem Indie, erinnert mich stellenweise ein wenig an Prada Meinhoff. Ich wünsche mir, in Zukunft mehr von diesem musikalischen Projekt zu hören.

Den nächsten Act auf der Hauptbühne sehe ich nicht zum ersten Mal. Vor ein paar Jahren bin ich Haiyti zufällig schon einmal bei einer Aufzeichnung des damaligen Neo Magazin Royale begegnet. Ehrlicherweise ist ihre Musik gar nichts für mich. Klingt für mich halt nach weiblichem Gangsta Rap. Auch optisch schüchtert sie mich in ihrer Art ein wenig ein. Doch den Leuten gefällt’s und das ist hier die Hauptsache.

Eigentlich wäre ich an dieser Stelle nun auf das Dach der Universität gestiegen, doch auch nach einer großen Runde des Durchfragens und Hetzens verirre ich mich lediglich in der Universität und gebe verschwitzt und entnervt auf. Dann halt keine Fotos von weit oben. Und ich dachte mal, die Universität in Siegen sei unübersichtlich gebaut…

Auf der Bühne des Universitätsradios gibt sich Tigrrez Punch die Ehre. Klingt wütend, nach einer krassen Mischung aus Rap und Trap. Keine Ahnung, ob es dafür jetzt eine Schublade gibt oder geben sollte.

Was ich super sympathisch finde, sind einerseits das lässige Auftreten und andererseits der Einbezug des Publikums. Denn ja verdammt, zumindest die weiblich gelesenen Menschen vor der Bühne werden immer und immer wieder gemansplaint und mich kotzt es beispielsweise echt tierisch an.

Apropos Ankotzen: Das Festivalgelände füllt sich für meinen Geschmack langsam etwas zu sehr. Ich schaffe es nicht einmal mehr in den Pressegraben, um Fotos von 1986zig an der Stereo Bühne zu machen. Meine Stimmung kippt weiter.

Gut, dass jetzt ein paar altbekannte Gesichter auf die Hauptbühne kommen: Die Leoniden, denen ich schon vor ein paar Jahren eine steile Karriere vorausgesagt habe! Und es ist so krass, sie nach langer Zeit mal wieder zu sehen und zu merken, wie toll sie auch eine so große Bühne ausfüllen können. Die Stimmung ist gut und es ist heftig zu hören, wie textsicher viele Leute sind und gemeinsam eine große Party feiern. Wenn ich wem eine solche Popularität von Herzen gönne, dann den Habibis.

Nach den Leoniden ist es schon so voll auf dem Gelände, dass ich nach all der Isolation der letzten Zeit nahe einer Panikattacke stehe, weil einfach so viel los ist und ich teilweise kaum einen Schritt mehr weiter komme.

Es grenzt an ein Wunder, dass ich es irgendwie noch rechtzeitig in den Graben zu Schmyt auf der Stereo Bühne schaffe. Und auch der überrascht mich positiv, obwohl er mir beim Reinhören auf Spotify gar nicht so zugesagt hatte.

Aber so ist das mit manchen Künstler*innen – entweder sind sie auf Platte super und live richtig schlecht oder halt umgekehrt. Was mir nur immer mehr auffällt: Das Festival ist schon ziemlich Hip Hop-lastig, oder?

Ich bin schließlich so gestresst, dass ich mich nur noch an der Stereo Bühne niederlasse und gar nicht mehr versuche, noch von A nach B zu kommen. So verpasse ich auch Mina Richman auf der Hertz 87.9 Bühne und Querbeat auf der Hauptbühne. Doch zumindest bei letzteren kann ich sagen, dass das für mich halb so wild ist, da Brasspop ist nun wirklich nicht meine Art von Musik ist, zumal Ansagen wie „Wo sind die Freaks?“ und eine Wall Of Death bei einer Band mit Bläsern lassen mich eher vor Grusel zusammenzucken als dass sie mich mit Freude erfüllen. Auch das scheint den Leuten zu gefallen. Nur mir halt nicht. Da beobachte ich lieber Schmyt dabei, wie er sich Zeit für seine Fans nimmt, sehe verschiedenste Künstler*innen über das Festivalgelände laufen und bekomme immer mehr fremde Zigarettenasche auf mein Handy. Vielleicht ist langsam die Zeit gekommen, meinen Aufenthalt hier zu beenden.

Doch eine Band steht für mich noch auf der Wunschliste und um 21 Uhr merke ich auch, dass sich diese Entscheidung gelohnt hat. Ich begebe mich in den mittlerweile erstaunlich vollen Pressegraben (wo waren die vorher alle?!) bei Provinz und bin einfach nur hin und weg von dieser außergewöhnlichen Stimme.

Ich habe Gänsehaut von Kopf bis Fuß und bin ehrlich gesagt schon ein wenig traurig darüber, dass ich mich dazu entschieden habe, möglichst bald nach Hause zu fahren. Denn anders als zunächst gedacht, ist der Bahnverkehr zwischen Bielefeld und seinen umliegenden Städten gar nicht mal so toll. Und ich wollte nun wirklich nicht das Risiko eingehen, nachts irgendwo zu stranden.

Schweren Herzens mache ich mich ein letztes Mal auf den Weg durch die Menschenmassen und stolpere so zufällig noch kurz Djamin von den Leoniden in die Arme. Ich bahne mir den Weg vorbei am Red Bull Elektro Floor mit Lari Luke aka Larissa Rieß, bei der ich aber sowieso keine Chance mehr habe, noch vernünftig an die Bühne zu kommen.
Die Sache mit den Ausgängen verstehe ich um diese Uhrzeit dann auch nicht so richtig, also quetsche ich mich einfach zwischen zwei Absperrungen hindurch nach draußen. Auf der Brücke vor der Uni blicke ich in Richtung des Veranstaltungsgeländes und realisiere noch einmal, wie viele Menschen das da sind: Für mich eindeutig zu viele, erst recht nach so langer Zeit mit reduzierten Kontakten. Eine andere Festivalbesucherin stimmt mir zu: Gern hätte sie noch weitergetanzt, doch auch ihr war es einfach zu voll auf dem Gelände.

Erschöpft gehe ich zur Bahnhaltestelle und begebe mich auf den Weg nach Hause. Erst als ich meine Wohnung betrete, wird es draußen wirklich dunkel. Auch für mich ein eher ungewohntes Ende für einen Festivaltag.

Fotos: Campus Festival Bielefeld 2022

feat. Sidewalk Surfers, Sunday Chocolate Club, Nina Chuba, Girlwoman, QWERTZ, Haiyti, Tigrrez Punch, Leoniden, Schmyt & Provinz

Transparenzhinweis: Ich durfte das Festival kostenlos besuchen. Meine Persönliche Meinung zum Event bleibt davon unberührt.