ALLE kennen diese Band, nur ICH nicht?! Ein Realitätscheck zum Thema Musik-Bubbles

Veröffentlicht: 3. Juni 2026

Lebst du auf dem Uranus?, wurde ich neulich gefragt, weil ich in einem YouTube-Kommentar zugegeben hatte, eine gewisse Band nicht zu kennen, die derzeit angeblich in aller Munde sei. Wie? Haha, ernste Frage, legte ein weiterer Kommentator ungläubig nach. Diese ein Stück weit vorwurfsvoll klingenden Rückfragen trafen mich mehr als sie sollten, denn ich nehme mir eigentlich regelmäßig bewusst Zeit dafür, neue Musik verschiedener Genres zu erkunden. Was ist also los? Schramme ich hier etwa gerade als einzige Person weltweit am echten Leben vorbei?

Die Band, die alle kennen sollten

Um herauszufinden, ob ich den Bezug zur Realität verloren habe oder ob vielleicht auch einfach nur die Leute hinter den YouTube-Kommentaren in ihrer ganz eigenen Welt leben, musste ein Realitätscheck her.

Geese sind eine US-amerikanische Rockband aus Brooklyn, New York. Gegründet wurde die Band im Jahr 2016 von ein paar Schulfreund*innen, die anfangs in einem Keller probten. Musikalisch bewegen sie sich irgendwo zwischen Indie, New Wave, Post Punk und experimentellem Rock. Die Rezensionen ihrer Alben schrecken nicht vor Vergleichen mit Bands wie The Velvet Underground, The Strokes, Radiohead und den Rolling Stones zurück.1

Der Aufstieg dieser Band verlief über fast ein Jahrzehnt und reichte von klassischen DIY-Spaces über ausverkaufte Clubs bis hin zu Festival-Lineups in Europa und Nordamerika — bevor ihr Album Getting Killed in 2025 schließlich für Aufmerksamkeit sorgte und sie auf Platz 4 des BBC Sound of 2026 landeten2. Außerdem gewannen sie in 2026 den Brit Award für die International Group of the Year3.

Wenn man sich diese Entwicklung anschaut, wirkt die Verwunderung der Kommentator*innen zunächst gar nicht so abwegig. Geese haben in den letzten Jahren schließlich einiges erreicht. Und trotzdem beantwortet das noch nicht die Frage, warum manche Menschen die Band offensichtlich für absolutes Allgemeinwissen halten. Um sich diesem Phänomen etwas anzunähern, müssen wir kurz einen Blick darauf werfen, wie moderne Mediennutzung überhaupt funktioniert.

Illusion der Allgegenwärtigkeit: Selective Exposure & Filter Bubbles

Der Begriff der Selective Exposure beschreibt die Tendenz, bevorzugt Inhalten ausgesetzt zu sein, die zur eigenen bestehenden Mediennutzung passen. Das passiert gar nicht unbedingt aktiv, sondern schlichtweg durch Algorithmen: Sie lernen, was einen User hält und spielen ihm entsprechend mehr davon aus. Als Ergebnis daraus entsteht eine Filterblase (filter bubble) — eine unsichtbare Blase, in der bestimmte Inhalte, Themen und Namen omnipräsent wirken, während andere nicht vorkommen, obwohl sie objektiv existieren. Der Begriff wurde 2011 vom Medienwissenschaftler Eli Pariser geprägt. Auch wenn die Forschung seither differenzierter geworden ist, bleibt die Grundbeobachtung bis heute bestehen.

Und genau hier setzt meine Vermutung an: Wer in einer musikaffinen, englischsprachig orientierten TikTok- und Indie-Bubble unterwegs ist, kann eine Band wie Geese dort durchaus als allgegenwärtig erleben. Für diese Person ist die Frage Kennst du Geese nicht?! vermutlich völlig berechtigt, weil die Band in ihrer Welt wirklich überall ist.

Auch ich kann mich trotz meines medienwissenschaftlichen Hintergrunds nicht von einem solchen Effekt freisprechen. Erst neulich habe ich meinem Freund gegenüber ganz selbstverständlich etwas von der Musikerin Paris Paloma erzählt, weil ich davon ausging, dass eigentlich niemand an ihrem Song labour vorbeigekommen sein dürfte. Er hört hauptsächlich englischsprachige Musik in Richtung Alternative, Post-Grunge, Pop Punk und Punkrock. Und doch ging ich davon aus, dass er bestimmt etwas von diesem Lied mitbekommen hat, weil es für mich schlichtweg monatelang allgegenwärtig war. Tatsächlich war ich einfach so tief in meiner feministischen Bubble unterwegs, dass ich überhaupt nicht bemerkte, dass dieser Song nicht überall gleichermaßen Beachtung fand. Mir wäre es natürlich lieber gewesen, hätte mein Freund die Interpretin oder zumindest den Song gekannt — gleichzeitig hat mir der Moment zumindest ganz gut vor Augen geführt, dass der eigene Horizont eben nicht automatisch auch dem Horizont einer jeden anderen Person entspricht.

Und das gilt eben meiner Theorie nach auch für Geese. Aber das ergründe ich im Folgenden noch etwas genauer.

Wie uns unsere Hörgewohnheiten täuschen können

Unser persönlicher Musikgeschmack entsteht eher selten als aktive Entscheidung. Er passiert einfach. Und genau das erklärt es eigentlich schon ganz gut…

Wer in den 90ern oder frühen 2000ern aufgewachsen ist, hat Musik oft noch als stark kollektives Erlebnis erfahren: Man tauschte untereinander Kassetten und CDs oder lieh sie sich in der Bibliothek aus. Man sah sich auf MTV und VIVA die gleichen Videos an, verfolgte um 20.15 Uhr dieselben großen Sendungen vor dem Fernseher und redete am nächsten Tag in der Schule darüber. Das schuf eine gemeinsame Referenzebene, die man nicht erst googeln musste. Man kannte Interpret*in, Songtitel und manchmal sogar das Album, weil man aktiv auf den Moment gewartet hatte. Wer einen Song erworb – ob als Single-CD oder später als MP3 – hatte sich bewusst dafür entschieden. Das alles blieb im Gedächtnis eher hängen.

Heute läuft Musik meist etwas anders. Ich öffne Spotify. Oft starte ich eine kuratierte Playlist. Nebenbei arbeite ich oder bin unterwegs. Ich mag einen Song, aber vielleicht nicht einmal so sehr, dass ich ihn direkt favorisiere. Drei Lieder später ist er wahrscheinlich schon wieder vergessen. Ich habe möglicherweise überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie der Artist oder Song heißt.

Wer heute Musik entdeckt, tut das mittlerweile auch oft ohne Kontext weiterer zugehöriger Informationen. Ein Song taucht in einem Reel auf, klingt gut und es wird vielleicht sogar geliked. Es entsteht eine etwas paradoxe Situation: Songs können viral gehen, ohne dass ein nennenswerter Teil des Publikums weiß, wer da eigentlich gerade spielt.

Das ist jetzt keine konkrete Kritik an der Playlist-Mentalität, da ich sie ja auch selbst lebe. Aber es erklärt ein Stück weit, warum Künstler*innen heute objektiv mehr Reichweite haben können als je zuvor, während die dazugehörigen Namen teils kaum in den Köpfen hängen bleiben. Selbst Millionen monatlicher Spotify-Hörer*innen sagen mittlerweile überraschend wenig darüber aus, wie viele davon morgen noch wissen, wen sie da eigentlich gehört haben.

Streaming-Algorithmen sind darauf ausgelegt, dich in deiner eigenen Präferenzschleife zu halten. Entdecke ich über Spotify eine neue Band, sehe ich kurz darauf mehr davon – und gleichzeitig weniger von allem anderen. Die Plattform ist nicht auf musikalische Breite ausgelegt, sondern auf Verweildauer4. Was mich hält, bekommt entsprechend mehr Platz und was mich nicht zu interessieren scheint, findet oft nicht mal mehr einen Weg in meinen Feed, noch bevor ich überhaupt eine echte Chance hatte, es kennenzulernen.5

Das ist strukturell also so ziemlich genau das genaue Gegenteil von dem, was passierte, als alle denselben Radiosender hörten oder denselben Musiksender schauten. Damals wurden Inhalte zentral verteilt und landeten lediglich durch den Sender oder das Format gefiltert bei einem ansonsten noch sehr breiten Publikum. Heute lassen Plattformen individuelle Hörwelten entstehen, die sich von außen betrachtet wie Paralleluniversen anfühlen und manchmal auch so sind.

Fallanalyse: Lebe ich auf dem Uranus?

Kleiner Disclaimer zu Beginn: Natürlich handelt es sich hierbei nicht um repräsentative Daten. Sie sagen nichts darüber aus, wie bekannt oder gut Geese tatsächlich sind. Sie zeigen lediglich, wie sichtbar die Band innerhalb der sozialen und digitalen Räume ist, in denen ich mich persönlich bewege.

Als erstes fragte ich natürlich wieder meinen Freund, ob er schon einmal etwas von der Band gehört habe. Auch bei ihm klingelte bei dem Namen der Band nichts.

Mein nächster Schritt führte mich auf last.fm. Für den Fall, dass du die Plattform vielleicht nicht kennst: Das ist im Grunde ein digitales Tagebuch, das im Hintergrund deine gehörte Musik trackt („scrobbelt“). Ich selbst bin dort schon seit 2007 aktiv. Die Statistik ist über die Jahre definitiv lückenhaft, liefert mir aber dennoch einen spannenden Einblick in mein Hörverhalten. Da ich meine Freundesliste dort in der Vergangenheit als musikalisch äußerst vielseitig wahrgenommen habe, war sie für mich die perfekte erste Anlaufstelle abseits meines persönlichen Haushalts. Das Ergebnis hier: Genau eine von 54 Personen hat exakt 4 Songs von Geese getrackt.

Wo last.fm ist, ist der dazugehörige Bot nicht allzu weit. Diesen nutzen viele Discord-Communitys, um unabhängig von ihren sonstigen Themen Gemeinsamkeiten zu finden. Konkret bin ich vor allem auf zwei Servern aktiv in den lastfm-Bot-Threads unterwegs. Dort merke ich schon ständig, dass die anderen Musik hören, die ich überhaupt nicht kenne oder mag – und umgekehrt:

  1. Offizieller Deutschsprachiger Geoguessr-Discord (knapp 5.300 Mitglieder)
  2. zi8gcord (Discord des australischen GeoGuessr-Pros zi8gzag mit knapp 10.000 Mitgliedern)

Natürlich hätte ich mir jetzt auch irgendwelche Musik-Communities raussuchen können, aber es ging mir ja in der Recherche wirklich darum, meine tagtägliche „Bubble“ zu analysieren. Und man muss dazu natürlich sagen, dass ich nur einen Bruchteil der Leute dort überhaupt wirklich kenne! Dabei kamen folgende Zahlen raus:

DACH-Discordüberwiegend deutschsprachigweltweiter Discordweltweit & englischsprachig
last.fm mit Bot gekoppelt197 User952 User
Gesamtzahl Scrobbles für Geese6.023 x28.452 x
User, die Geese gehört haben47214
⌀ Scrobbles von Geese pro User125 x132 x
Top 3 User meiste Geese Scrobbles1.692 x
502 x
492 x
1.742 x
1.692 x
1.141 x
Gesamtzahl Geese Scrobbles
der Top 10 User
4.56710.034
Anteil Geese Scrobbles
der Top 10 User
4.567/6023
= 76 %
10.034/28.452
= 35 %

Um das alles mal ein wenig in Relation zu setzen: In den letzten 365 Tagen habe ich als Einzelperson mehr Songs von Taylor Swift gehört (knapp 6.500) als 47 User des DACH-Discords zusammen Songs von Geese. Schließt man die drei User mit den meisten Geese-Plays vom DACH-Discord als Ausreißer aus der Statistik aus, dann habe ich auch mehr FJØRT gehört als die noch 44 verbleibenden User zusammen (3989 > 3337 Scrobbles).
Mit Blick auf die Top 10 User wird die Sache in DACH sogar noch klarer: In meiner Stichprobe gehen im deutschsprachigen Raum unfassbare 76 % aller Streams der Band auf das Konto von gerade einmal 10 Personen.

Auf dem weltweiten Server ist die Konzentration zwar etwas breiter gestreut, aber selbst dort machen die Top 10 User mit 10.034 Scrobbles immer noch über 35 % des weltweiten Gesamtvolumens aus. Zieht man diese zehn „Hardcore“-Fans ab, schrumpft der Schnitt der restlichen 204 internationalen Hörer*innen auf nur noch 90 Gesamt-Plays pro Person.
Oder anders ausgedrückt: Meine Taylor-Swift-Scrobbles aus einem einzigen Jahr schlagen locker die kompletten Lebenszeit-Scrobbles von mehr als 70 durchschnittlichen Geese-Hörer*innen auf dem weltweiten Server zusammen.

Und ich wiederhole es gern noch einmal: Das alles sagt nichts über musikalische Qualität aus, liefert aber einen weiteren Ansatz dafür, wieso ich persönlich nichts von der Band mitbekommen haben könnte.

Ich startete noch einen letzten spannenden Test in meiner Bubble und fragte selbst in der Instagram-Story von Schallgefluester nach: Hast du schon mal was von der Band Geese gehört? Ich bat die User zusätzlich darum, spontan zu antworten, um möglichst zu vermeiden, dass sie erst in Ruhe irgendwo nachschauten.

Meine Followerschaft setzt sich vor allem aus Musiker*innen, den Betreiber*innen anderer Plattformen, Konzertfotograf*innen und natürlich Musikfans zusammen.

Bei insgesamt 245 Ansichten der Story verteilten sich die insgesamt 41 eingegangenen Antworten wie folgt:

AnzahlAntwortenAnteilAntworten
Ja klar!924 %
Irgendwie nicht, nein.2876 %
Jein, siehe DMfalls sich User unsicher waren, wie es zählt,
wenn sie z. B. den Bandnamen kannten, aber keinen Song
00

Meine Vermutung dazu: Wäre der Hype in meiner Bubble angekommen, hätten vermutlich mehr als 41 von 245 Leuten überhaupt eine Meinung dazu gehabt.

Künstler*innen im Vergleich

Geese kommen auf rund 1,5 Millionen monatliche Hörer*innen bei Spotify. Das ist definitiv solide, aber eben auch kein Massenmarkt. Vor allem wenn man bemerkt, dass die meisten davon in London, New York und Los Angeles sitzen.

Zur Einordnung lohnt sich der Blick auf einige andere Künstler*innen, die Sprache ihrer Musik (wichtig in Bezug auf ihre internationale Tauglichkeit) und die ungefähre Zahl ihrer derzeit monatlichen Hörer*innen auf Spotify.

Interpret*inSpracheHörer*innenauf Monatsbasis
Point NorthEnglisch1,1 Millionen
CasketsEnglisch1,1 Millionen
SOFIA ISELLAEnglisch1,1 Millionen
Culture WarsEnglisch1,1 Millionen
KATI KDeutsch1,1 Millionen
Worakls(Instrumental)1,1 Millionen
Blue OctoberEnglisch1,2 Millionen
JJEnglisch1,2 Millionen
Rain City DriveEnglisch1,2 Millionen
GReeeNDeutsch1,4 Millionen
NTO(Instrumental)1,5 Millionenvergleichbar mit Geese
JuliDeutsch1,5 Millionen
Andreas BouraniDeutsch1,5 Millionen
Wincent WeissDeutsch1,6 Millionen
KraftklubDeutsch1,8 Millionen
DJ BoBoEnglisch1,9 Millionen
ProvinzDeutsch2,4 Millionen
Helene FischerDeutsch2,7 Millionen
Michael SchulteEnglisch3,0 Millionen
VOILÀEnglisch3,2 Millionen
Maisie PetersEnglisch3,3 Millionen
CAKEEnglisch3,6 Millionen
Giant RooksEnglisch4,5 Millionen

Und das sind ja nur ein paar noch verhältnismäßig „kleine Fische“ innerhalb des Musikbusiness. Deshalb hier noch ein paar Beispiele derzeit weitaus bekannterer Künstler*innen:

Interpret*inSpracheHörer*innen
The Rolling StonesEnglisch30,2 Millionen
MetallicaEnglisch33,3 Millionen
Gracie AbramsEnglisch35,9 Millionen
BTSEnglisch
/ Koreanisch
37,5 Millionen
Linkin ParkEnglisch55,8 Millionen
Olivia RodrigoEnglisch61,1 Millionen
Sabrina CarpenterEnglisch64,9 Millionen
Harry StylesEnglisch66,8 Millionen
Kendrick LamarEnglisch70,7 Millionen
Ed SheeranEnglisch86,8 Millionen
Bad BunnySpanisch100 Millionen
Taylor SwiftEnglisch101 Millionen
Lady GagaEnglisch104 Millionen
The WeekndEnglisch115 Millionen

Natürlich bilden die Streamingzahlen auf einer einzigen Plattform nicht den kompletten Musikkonsum der Zielgruppe oder die Bekanntheit eines Artists ab. Trotzdem zeigen sie einen gewissen Trend: Eine angebliche Allgegenwärtigkeit mag innerhalb gewisser Bubbles real sein, trifft aber eben lange nicht auf alle Lebensrealitäten zu.

Reflexion: Warum Geese bei mir wahrscheinlich keine Chance hatten

Nach all den Zahlen gehe ich noch einmal etwas anders an die Analyse der Frage heran, wieso Geese bisher nie in meinem Universum aufgetaucht sind. Als gelernte Expertin Suchmaschinenoptimierung (SEO) beschäftige ich mich nahezu täglich mit Algorithmen, Suchintentionen, Suchvolumen und der Frage, wie man Sichtbarkeit für verschiedene Arten von Content erzeugt – und das schärft den Blick dafür, wie sehr die eigene Wahrnehmung von strukturellen Faktoren gelenkt wird.

Äußere Filter (Medien, Sprache & Geografie)

  1. Das US-Medien-Paradoxon: Ja, Geese war bei Formaten wie Saturday Night Live zu Gast und haben eine Tiny Desk Session gespielt. Im US-Kosmos sind das riesige Meilensteine. Aber jetzt mal ganz pragmatisch: SNL läuft im linearen US-TV, während ich hier in Deutschland tief und fest schlafe. Tiny Desk-Konzerte schaue ich mir nur gezielt bei Acts an, von denen ich vorher schon mal was Aufregendes aufgeschnappt habe. Es als fehlende Allgemeinbildung zu verkaufen, dass man als in Deutschland lebende Person die musikalischen Gäst*innen amerikanischer Late-Night-Shows kennt, grenzt daher für mich an Realsatire.
  2. Die sprachliche Weiche: Ich bin digital zwar extrem international unterwegs, aber in meinen Playlists landet eben auch einfach ein riesiger Haufen deutschsprachiger Musik. Wer seine Fühler stark in der heimischen Musiklandschaft hat, verpasst logischerweise ein paar der primär US-amerikanisch getriebenen Hypes.
  3. Der heilige Musikjournalismus: Ja, ich liebe Musik. Aber nein, ich lese keine klassischen Musikmagazine (mehr). Ich habe es hier schon an so mancher Stelle deutlich gemacht: Ich habe leider absolut keine Lust auf die elitäre Arroganz, die einem vor allem von vielen männlichen Redakteuren in dieser Szene oft entgegenschlägt. Warum sollte mich interessieren, wie dort wieder einmal Musik, die ich persönlich mag, prätentiös und unnötig zerrissen wird? Und nur weil also irgendein Medium eine Band pusht und als das nächste große Ding deklariert, springe ich nicht sofort darauf an. Ich will Musik selbstbestimmt entdecken, statt mir von oben herab diktieren zu lassen, was angeblich Relevanz habe und was nicht.
  4. Ein Name wie ein Systemfehler: Geese. Aus Sicht von Markenaufbau und digitaler Auffindbarkeit ist das der absolute Super-GAU. Der Name ist so dermaßen generisch, dass er im digitalen Raum untergeht. Sollte ich dem Bandnamen jemals zuvor begegnet sein, dann hat ihn mein Gehirn beim Überfliegen der Feeds schlicht als irrelevantes Hintergrundrauschen aussortiert und gar nicht erst abgespeichert.

Verhaltens-Filter (Mein Konsum im Alltag)

  1. Stille: Ein echter, spürbarer Hype lebt davon, dass er irgendwann die rein digitale Welt verlässt und in der Realität ankommt. In meinem persönlichen Umfeld war die Band aber bis zum Video zu keinem Zeitpunkt Thema. Wenn ein vermeintlicher globaler Trend im echten Leben so gar keine Spuren hinterlässt, existiert er für mich nicht.
  2. Passiv gescrollt heißt nicht aktiv registriert: Passend zum Systemfehler… Ich nutze kein TikTok, schaue hier und da mal in YouTube Shorts oder Instagram Reels rein. Es ist durchaus möglich, dass irgendein Song von Geese zumindest mal im Hintergrund eines Clips lief. Habe ich es aktiv wahrgenommen? Aufgepasst? Den Namen gesucht? Nein.

Innere Filter (Einstellung & Biologie)

  1. Hype-Immunität: Ich würde mich selbst als einigermaßen immun gegen Hypes bezeichnen. Wenn das Internet kollektiv wegen einer neuen Sache durchdreht, bin ich meist erst einmal skeptisch. Ich warte den ersten großen Sturm lieber entspannt ab, um dann später in aller Ruhe reinzuhören. Heißt: Selbst wenn ich durch die Kanäle aktiv irgendetwas von dem Hype mitbekommen hätte, hätte ich ohne das aktive Zutun meiner Bubble vermutlich nicht sofort auf „Play“ gedrückt. Aber wie die Punkte davor zeigen, habe ich ja nicht mal etwas bewusst wahrgenommen.
  2. Biologie und Reizfilterung (AuDHS): Der wichtigste Punkt ist am Ende aber ein ganz pragmatischer: Geese hatten wahrscheinlich kaum eine Chance, in meinem Feed zu landen, weil deren Musikstil nicht zu meinen Hörgewohnheiten passt. Ihr Sound lebt von Dissonanzen, unberechenbaren Tempowechseln und einer eher aufreibenden Struktur. Schon von den wenigen kurzen Ausschnitten im eingangs kurz beschriebenen Video über die Band schaltete mein Nervensystem sofort in den Alarmmodus und ging auf Abwehr.
    Wie ich schon in meinem Beitrag über Musik als neurodivergentes Regulations-Tool ausführlich beschrieben habe, nutze ich Musik vorrangig, um meinen Kopf ruhiger zu bekommen. Mein Gehirn sucht nach Struktur und Vorhersehbarkeit, um Reize zu verarbeiten. Was für andere also aufregend und interessant klingen mag, bedeutet für meine Reizfilterung also Stress durch Überlastung. Mein Filter hat mich hier demnach nicht im Stich gelassen, sondern mich einfach nur instinktiv vor Chaos geschützt.

Fazit

Lebe ich nun also auf dem Uranus? Mit Blick aus dem Fenster behaupte ich recht selbstbewusst: Wahrscheinlich nicht.

Was meine kleine Recherche stattdessen aber gezeigt hat: Der mutmaßliche Hype um die Band kann durchaus real sein, beschränkt sich dabei aber auf eine verhältnismäßig spezifische Bubble. Wer täglich in englischsprachigen Indie-Spaces unterwegs ist, TikTok nutzt und den US-Musikjournalismus als Referenz heranzieht, für den ist diese Band vermutlich wirklich allgegenwärtig. Für alle anderen eher nicht.

Was den YouTube-Kommentar Wie? Haha, ernste Frage angeht: Meine ehrliche Antwort ist, dass es schlichtweg keine geteilte Realität mehr gibt, an der sich alle gleichermaßen messen lassen könnten. Wer nicht weiß, wer die musikalischen Gäst*innen der aktuellen SNL-Staffel sind oder wer alles auf dem Coachella spielt, lebt nicht automatisch auf dem Uranus. Genau wie jemand anderes vielleicht noch nie von Paris Paloma gehört hat. Oder von FJØRT. Oder vielleicht sogar von The Weeknd.

Geblieben ist mir nach der ganzen Recherche aber noch etwas anderes: das Video, das den Stein überhaupt erst ins Rollen brachte. Denn es wirft ein paar Fragen auf, denen ich in einem bald erscheinenden zweiten Teil noch einmal genauer nachgehen werde – weniger wegen der Band und mehr wegen dem, was das Video selbst tut.

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