Musikgeschmack ist kein Maßstab für Menschen

Veröffentlicht: 24. Juli 2015 • Letzte Aktualisierung: 23. April 2026

Als Autorin eines Musikblogs ist man viel unterwegs und bekommt dabei allerhand auf die Ohren. Man erlebt Künstler, die man unglaublich feiert und mag aber auch mal den Sound anderer nicht so gern. In letzter Zeit habe ich wirklich viel darüber nachgedacht, führte so manches Streitgespräch und wurde für meine Meinungsäußerungen nicht immer nur geschätzt. Das veranlasste mich zu ein paar ausführlicheren Gedankengängen zum Thema Musikgeschmack.

Wenn Geschmack auf Bewertung trifft

Manchmal stecke ich in einer echt verzwickten Lage. Ich habe mir mit diesem Musikblog auf die Fahnen geschrieben, diejenigen Künstler zu supporten, die ich selbst für unterstützenswert halte. Die, bei denen ich persönlich spüre, wie viel ihnen die Musik wert ist und deren Werke irgendetwas in mir bewegen.

Natürlich bekomme ich aber auch andere Musik auf den Schreibtisch: Songs, bei denen ich mir nicht sicher bin, was sich die Künstler dabei gedacht haben. Die zwar handwerklich sicher ihre Relevanz haben, mich aber trotzdem nicht erreichen. Immer wieder versuche ich, mich dabei zu fragen, wen ein Musiker mit seinen Werken erreichen und was er damit konkret bezwecken möchte.

Musikgeschmack ist nicht objektiv messbar

Der persönliche Geschmack ist keine objektive Wahrheit, sondern etwas zutiefst Subjektives. So wie ich die niederländische Sprache mag und kaum bis keinen Zugang zu Schlagermusik finde, gibt es da draußen genügend Leute, die sich über die von mir geliebte Mischung von Deutsch, Englisch und Kauderwelsch kaputtlachen und deren größtes Highlight der Besuch eines Konzerts von Roland Kaiser wäre. Und ja verdammt, das ist auch völlig in Ordnung, denn ich wiederhole es gern – der persönliche Geschmack ist eben nicht objektiv beurteilbar!

Musik bewerten: Zwischen Theorie und Gefühl

Natürlich könnte man sich hier und da an manchen Richtwerten entlang hangeln. In der Musik gibt es eine Menge handwerklicher Griffe, deren Beherrschung für einen grundsätzlich „guten“ Sound sorgt.

Was aber auch zur Wahrheit gehört: Diese können von Genre zu Genre – oft sogar von Band zu Band oder von einer Schaffensphase zur nächsten variieren. Es macht einen großen Unterschied, ob sich eine Band jetzt Rock/Pop oder Grindcore auf die Fahnen geschrieben hat, ob man jetzt das erste oder fünfte Album betrachtet und ob sich die Artists im Laufe der Zeit musikalisch und menschlich weiterentwickelt haben.

Vielleicht möchte eine Band auch gar nicht ausproduziert und clean klingen. Vielleicht soll alles ja ganz bewusst etwas rotziger sein. Und wenn dich Taktwechsel und Tonartsprünge verwirren, kann das entweder musikalische Ahnungslosigkeit sein – oder aber auch Kalkül, um Musik etwas spannender zu gestalten.

Das ist ein bisschen wie bei Interpretationen in der Schule: Man kann unglaublich viel in ein Werk hineinlesen und ganze Luftschlösser darum herum bauen. Mit etwas Glück äußert sich der Künstler selbst zu seinen Intentionen und du kannst das für dich einordnen – aber das ist eben nicht immer der Fall. Und auch das ist in Ordnung.

Am Ende bleibt oft nur der eigene Zugang: Entweder man zerlegt Musik bis ins kleinste Detail, analysiert Strukturen, Akkorde und Aufbau – oder man verlässt sich einfach nur auf sein Gefühl.

Dann beschreibt man mit etwas Fingerspitzengefühl, was einem an einem Song gefällt… und was eben nicht. Ist es die eher blechern klingende Produktion? Eine ungewöhnliche Stimmlage? Vielleicht ein Akkord im Refrain, der jedes Mal aufs Neue irritiert? Vielleicht aber auch der bewusste Einsatz von Autotune? Mitunter kann eine einzige Zeile darüber entscheiden, ob man einen Song jetzt eigentlich mag oder nicht.

Wir hören nicht alle dasselbe – und das ist okay

Die Einen halten alles, was nicht völlig revolutionär klingt, für den größten Mist auf Erden. Andere verspüren bei genau dieser Musik die größten Glücksgefühle. Und ich finde: Das ist auch völlig in Ordnung

Ja, verdammt – ich feiere andere Musik als du. Ich mag den Sound der Band, deren Instrumente du am liebsten eigenhändig anzünden würdest, um deren musikalisches Wirken endgültig zu beenden.

Aber ich fühle mich halt gut dabei, deren Musik zu hören. Und bitte dich darum, das einfach nur zu respektieren.

Du musst diese Band oder diesen Artist nicht mögen, nur weil ich sie mag. Aber halte dich verdammt nochmal aus meiner Gefühlswelt raus.

Du schwärmst für die Musik mancher Boybands? Go for it.
Dein Herz schlägt für Castingteilnehmer? Go for it.
Du stehst auf deutschsprachigen Hip Hop? Go for it.
Für dich geht nur Musik klar, die vorher noch nie in dieser Form da gewesen ist? Go for it.
Du feierst liebend gern zu Coverbands? Go for it.
Klassische Musik begeistert dich? Go for it.
Du magst Thrash Metal? Go for it.
Du hörst alles, was im Radio läuft? Go for it.
Du hörst einfach alles, was dich irgendwie berührt?
Fucking go for it.

Und weißt du was? Ich gehe noch einen Schritt weiter: Steh bitte einfach dazu. Mach dir nichts draus, wenn andere deinen Musikgeschmack nicht mögen. Lass dich nicht aufhalten und – um es jetzt mal etwas kitschiger zu sagen –folge deinem Herzen.

Musikgeschmack ist kein Maßstab für Menschen

Es in Ordnung, wenn du dem Massengeschmack nicht folgst und wenn du manche Musik auf den Tod nicht ausstehen kannst. Wenn dir beim Hören von David Guetta schlecht wird, du aber De Randfichten feierst und dich noch immer fragst, ob der alte Holzmichl noch lebt – dann ist das dein gutes Recht.

Das ist deine Meinung. Und es ist gut, dass du sie hast. Aber so sehr du respektiert werden möchtest, basiert das Ganze auf Gegenseitigkeit.

Pass also auf, nicht in die Falle zu tappen, andere Menschen aufgrund ihres Musikgeschmacks in Schubladen zu stecken und sie vorschnell zu verurteilen. Denn den eigenen Musikgeschmack als Mittel zu benutzen, um sich von anderen abzugrenzen oder sich ihnen überlegen zu fühlen, spricht weniger für Toleranz und Weltoffenheit – und deutlich mehr für Kleingeistigkeit.

Musikgeschmack und Vorurteile: Schubladen greifen zu kurz

Natürlich gibt es Fankreise, in denen sich viele ähnlich tickende Leute bewegen. Doch drumherum existiert ein mindestens genauso großer Kreis an Menschen, von denen du es vielleicht nie erwartet hättest – und die trotzdem genau diese Musik hören.

Vielleicht ist deren Sammlung an Fanartikeln sogar größer als die des Mädels in der ersten Reihe, das jeden Text mitsingt und von Kopf bis Fuß in Merch steckt. Und selbst wenn nicht: Weißt du, was ihnen diese Musik bedeutet? Was sie damit an persönlichen Geschichten und Erfahrungen verbinden?

Eben.

Wie sich mein Musikgeschmack entwickelt hat

Eigentlich ist das ja eine ziemlich romantische Vorstellung: einer dieser Menschen zu sein, der seit der Kindheit dieselbe Band feiert und mit allen anderen Musikstilen nichts anfangen kann. Doch – shit happens – so ist es bei mir nun mal nicht.

Früher hörte ich durch meine Eltern hin und wieder Ostrock. Durch Dorffeste und Auftritte mit meiner Einradgruppe entdeckte ich Dance, Hands up, Trance und die Rock-Pop-Girlgroup Vanilla Ninja für mich.

Später kamen durch meinen Bruder Künstler wie Samy Deluxe, Bushido, Prinz Pi, t.A.T.u. und Linkin Park dazu. Parallel begann ich damit, Silbermond zu lieben – und hörte irgendwann wieder damit auf. Ich hörte Taylor Swift, aber anfangs irgendwie nur die Country-Songs.

Mit der Zeit wurde mein Geschmack nur immer breiter und landete schließlich bei völlig unterschiedlichen, oft eher kleineren Acts wie Nevada Tan/Panik, Emma6, Tonbandgerät, Enno Bunger, The Love Bülow, Heisskalt, An Early Cascade, Kmpfsprt oder FJØRT.

Und irgendwann wurde mir etwas klar: Ich habe zwar meine Lieblingsgenres – aber ich lasse mich trotzdem schnell begeistern. Und im Zweifel habe ich zumindest genug Respekt, um das musikalische Werk eines Künstlers anzuerkennen, auch wenn es nicht meinem eigenen Geschmack entspricht.

Ich höre gern Mark Forster – und stehe dazu

Lange Zeit hatte ich damit ein Problem… Es kratzte an meiner Kredibilität als Hörerin vieler kleinerer und vor allem härterer Bands. Und es gab da jemanden, dessen Meinung mir viel bedeutete – und der mich genau dafür zu verurteilen schien. Aber es ist nun mal so: Mein Herz schlägt oder schlug zumindest lange für die Musik von Mark Forster.

Im Frühjahr 2014 ging es mir aus privaten Gründen überhaupt nicht gut. Durch einen Zufall entdeckte ich damals seine Musik und begann, seine Songs zu hören. Und dann war da Au Revoir. Ich fand mich plötzlich in diesem Song wieder. Ich begann zu strahlen. Mein Bauch kribbelte. Dieses Gefühl kam einfach – ich konnte es nicht steuern. Und es ist bis heute da. Egal ob zufällig im Radio beim Bummeln durch die Stadt oder auf einem Konzert: Sobald ich Mark Forster höre, und besonders diesen einen Song, verbinde ich das mit vielen schönen Erinnerungen und verspüre eine gewisse Leichtigkeit.

Ich bin mir sicher, dass man das irgendwie erklären kann. Mit Tonarten, Akkordfolgen, Instrumentierung. Aber ehrlich? In diesem Fall ist mir das egal. Denn ich mag seine schlauen Wortspiele, seine Ohrwürmer und seine positive Art. Wie er über die Bühne rennt. Seine Sprüche, die trotz aller Routine immer noch menschlich wirken. Das reicht mir.

Und ich habe eine ganze Weile gebraucht, um das ohne Zögern sagen zu können. Zu groß war die Angst vor dem Stempel. Denn natürlich läuft Mark Forster im Radio. Natürlich hat er einen riesigen Fankreis – einen, von dem meine sonstigen musikalischen Vorlieben nur träumen können. Aber mittlerweile ist auch das okay.

Fazit: Hör die Musik, die dich glücklich macht

Was ich gelernt habe: Es fühlt sich gut an, sich nicht verstecken zu müssen und offen zu dem zu stehen, was man liebt. Musikgeschmack ist und bleibt subjektiv. Und genau deshalb ist es lächerlich und kleingeistig, Menschen aufgrund ihres Geschmacks in Schubladen zu stecken – selbst dann, wenn es in bestimmten Fankreisen gewisse Gemeinsamkeiten geben mag.

Wer Musik nutzt, um sich über andere zu stellen oder sich überlegen zu fühlen, hat kein besseres Gehör – sondern ein Problem mit dem eigenen Selbstbild. Jeder Mensch ist anders. Also: Heb den Blick und schau über deinen Tellerrand.

Changelog
Letzte Änderungen
23.04.2026
neue Überschrift, Zwischenüberschriftein eingefügt, Überarbeitung einzelner Formulierungen
Kategorien:
Alles · Gesellschaft · Kultur