I Prevail gehören zu den härtesten Bands, die ich grundsätzlich höre. Ich habe sie daher nicht ständig in meiner Rotation, sondern eher bewusst dosiert und mit möglichst großer Aufmerksamkeit.
Mein Zugang zu I Prevail war eher ungewöhnlich. Das erste Mal bewusst wahrgenommen habe ich die Band über ihre Version von Taylor Swifts Blank Space. Dieses Cover hat meine Neugier geweckt und dafür gesorgt, dass ich mich überhaupt näher mit der Band beschäftigt habe.
Irgendwann bin ich dann eher aus Zufall auf die POV-Videos von Drummer Gabe gestoßen. Drums fand ich schon immer spannend, sowohl als Instrument als auch als Klang. Nun sehen zu können, sich Songs aus der Sicht des Schlagzeugs anfühlen und wie viel Kontrolle, Timing und Präzision darin stecken, hat meinen Blick auf die Band noch einmal verändert. Nicht im Sinne von Bewunderung, sondern aus echtem Interesse daran, wie diese Musik technisch und körperlich funktioniert. So habe ich Stück für Stück ein Gefühl für ihre musikalische Bandbreite entwickelt – bis schließlich sogar der Wunsch entstand, sie irgendwann einmal live zu sehen.
Violent Nature bildet einen ganz entscheidenden Teil dieser Bandbreite ab. Es wurde vollständig vom Bassisten Jon Eberhard produziert. Dabei ist es zugleich das erste Album der Band ohne Gründungsmitglied und Clean-Vocalist Brian Burkheiser. Offiziell wurde sein Ausstieg mit einer seltenen und schmerzhaften Erkrankung begründet. Gleichzeitig kursieren aber auch unterschiedliche Gerüchte über Spannungen innerhalb der Band. Fakt ist jedenfalls, dass nun Eric Vanlerberghe neben den Shouts auch die cleanen Parts übernimmt und damit den Sound von Violent Nature ganz entscheidend prägt.
Der Opener Synthetic Soul gibt schon einmal eine spannende Richtung vor: Der Song wirkt düster, dreckig und – passend zum Titel – fast ein wenig mechanisch. Gleichzeitig bleibt er vergleichsweise melodisch und atmosphärisch. Es fühlt sich an, als würde man langsam in eine kalte, künstliche Welt hineingezogen. Der Sound erinnert mich damit ein wenig an den Klang von Bands wie Bad Omens, was mir persönlich echt gut gefällt.
Mit NWO kippt das Album abrupt in eine aggressive Richtung. Der Song arbeitet mit politischen Schlagworten und Verschwörungsbildern, nutzt sie aber eher als Metaphern für radikalen Individualismus. Blinde Gefolgschaft wird als swine to the slaughter beschrieben, also als Schweine, die zur Schlachtbank geführt werden. Der Song stellt zwei Zustände gegenüber: Entweder man ordnet sich unter oder man zieht die Konsequenz und stellt alles in Frage. Musikalisch äußert sich der Song in purem Druck, voller Wut und ohne große Verschnaufpausen.
Pray ist als Kontrast dazu wieder extrem melodisch und bewegt sich genau in dem bereich, den ich bei I Prevail persönlich besonders mag. Inhaltlich erteilt die Band hier eine Absage an ungefragtes Mitleid und moralische Überlegenheit. Beten für jemanden wird hier nicht als Hilfe dargestellt, sondern als Akt, der den anderen erst recht als „kaputt“ brandmarkt. Zeilen wie
Only the pain inside reminds me of myself
machen deutlich, dass Schmerz nicht verdrängt, sondern als Teil der eigenen Identität akzeptiert wird. Der aggressive musikalische Ausbruch gegen Ende des Songs wirkt dadurch wie eine ganz bewusste Ziehung einer Grenze.
Auch Annihilate Me beginnt wieder deutlich ruhiger, schwer und düster. Und obwohl der Song sich musikalisch durchaus ein wenig öffnet, bleibt er dabei trotzdem durchweg bedrückend und düster. Umso interessanter ist, dass wir uns hier erneut in einem Gefilde bewegen, in dem ich mich bei dieser Band besonders wohl fühle. Es wird zwar aktiv Spannung aufgebaut, aber ich fühle mich dabei nicht so gehetzt wie in anderen Songs und kann daher besser damit umgehen.
Into Hell ist für mich persönlich bislang der stärkste Song des Albums. Er ist deutlich melodischer und genau deshalb so umstritten unter den Fans. Viele zeigen sich enttäuscht davon, dass hier keine Screams oder Shouts enthalten sind. Inhaltlich geht es in diesem Track darum, Menschen in ihren dunkelsten Momenten nicht allein zu lassen und ihre Last mitzutragen. Er zeigt eine weichere Seite der Band, die ich in all dem Chaos der Welt sehr begrüße.
Mit Crimson & Clover bekommen wir einen Akustik-Moment mit starken Clean Vocals und besonders viel Raum zum Atmen. Dafür schlägt God wieder kompromisslos in die entgegengesetzte Richtung. Screams, Growls, extrem dominante Drums, ein zeitweise fast clubartiger Bass und anspruchsvolle Rhythmuswechsel sorgen für maximale Intensität.
Es wirkt fast so, als würde jeder Track ein etwas anderes Genre streifen. Manche würden der Band dafür mangelnde Konsequenz unterstellen. Für mich verläuft Violent Nature eher in spannenden Wellen. Mal haut es mich mit brachialer Wucht um und überfordert mich und im nächsten Moment zeigt es sich überraschend verletzlich und melodisch und gibt mir die nötige Luft zum Atmen. Das Album ist aus meiner Perspektive zwar musikalisch vielseitig, aber trotzdem in sich stimmig. Und es ist definitiv ein Grund mehr, dass ich mir sage: Man, würde ich I Prevail mal gern live erleben…



