Das Getoese Festival in Rietberg-Mastholte stand gefühlt schon ewig auf meiner gedanklichen Landkarte. Noch lange bevor ich in diesen Teil Deutschlands gezogen bin, war mir die Veranstaltung unter dem erst einmal etwas provokant anmutenden Namen Getoese in Moese ein Begriff. Ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass die Provokation zu damaligen Zeiten ganz bewusst gewählt war und bin zumindest froh, dass sie zumindest eine logische Doppelbedeutung hatte. Bis 1970 war der Veranstaltungsort nämlich eng mit seiner Nachbarbauerschaft Moese verbunden, ehe es im Rahmen einer kommunalen Neugliederung zur Zusammenlegung zu Mastholte kam. 1
Dass es mich nun nicht einmal zum tatsächlichen Festival, sondern zu einer Art Warm-Up-Veranstaltung dorthin verschlagen würde, habe ich einer Art Kettenreaktion zu verdanken: Nach meinem eher spontanen Beitrag zu yin und der darauf folgenden Albumrezension zu belle époque durfte ich FJØRT nach unfassbaren sieben Jahren endlich wieder live erleben und wurde auf dem Konzert in Dortmund so begrüßt, als sei ich niemals auch nur ansatzweise weg gewesen (ein heftiges Gefühl, solche Spuren hinterlassen zu haben und trotz langer Abwesenheit durch v.a. Krankheit wieder so herzlich aufgenommen zu werden). Darauf folgte das Fairytale Festival in Osnabrück, wo ich mich direkt bei einem Teil der Band danach erkundigte, ob ich sie auch beim Konzert des Getoese Festivals fotografieren dürfte. Wie die Anfrage ausgegangen ist, lässt sich anhand dieses Beitrags ja möglicherweise erahnen…
Da uns allen schon da irgendwie bewusst war, dass Rietberg-Mastholte ziemlich ab vom Schuss liegt und Teile der Community es vorziehen, so viel wie möglich mit der Bahn zu reisen, gründeten wir noch vor Ort eine kleine Fahrgemeinschaft für das Getoese Warm-Up.
Pünktlich zum Einlass kam ich gemeinsam mit meiner großartigen Begleitung (die sich übrigens im fantastischen Club Schilli in Ulm engagiert, Grüße!) an der Location an, wo uns auch schon eine sehr gut geschulte Security in Empfang nahm. So wurden wir nicht nur abgetastet und unsere Tascheninhalte genau begutachtet, ich musste sogar mit fast 33 Jahren meinen Ausweis zur Altersverifikation vorzeigen. Doch meine größte Überraschung wartete hinter dem Sicherheitscheck: Es stellte sich nämlich heraus, dass ich wie auch in Osnabrück Zugang zu Backstage, Bühne und Pressegraben hatte. Im Moment der Realisation setzte sich ein kreativer Prozess in meinem Kopf in Bewegung: Nach mittlerweile zwölf Jahren der (FJØRT-) Livefotografie war das die perfekte Chance, um ein bisschen mehr mit den Fotos herumzuexperimentieren.
Das Festivalgelände selbst war wunderbar kompakt und insgesamt total niedlich gestaltet. Ich muss zu meiner Schande allerdings gestehen, dass ich im Detail gar nicht so genau weiß, was abseits von Plattenverkäufen, Merch und Pizza noch so geboten wurde. Ich war nämlich von so vielen coolen Leuten umringt, dass das zum Teil ein Stück weit an mir vorbeirauschte. Menschen, die ich gerade erst im Rahmen der letzten Konzerte kennengelernt hatte, trafen auf alte Bekannte, die ich seit 2019 nicht mehr gesehen und schmerzlich vermisst hatte.
Zwischen Gesprächen mit den bereits erwähnten wunderbaren Leuten, einem extrem netten Fotografen (Grüße!) und Teilen von FJØRT verging die Zeit bis zur Vorband Grote Geelstaart dann wie im Flug. Ich erinnere mich noch daran, wie FJØRT-Bassist David keine Ahnung davon hatte, wie die Band wohl klingen würde. Ich versuchte, es ihm irgendwie mit echt harmlos aussehen, einer Assoziation mit Angine de Poitrine, ein bisschen Post-Rock und zwischenzeitlich ganz schon viel noisigem Was zur Hölle passiert hier denn?! und Naja, sind halt Niederländer zu erklären. Und ja… mittlerweile würde ich wahrscheinlich nur ergänzen, dass sie wahlweise singen, sonderbare Geräusche machen oder irgendetwas auf Niederländisch brüllen, was mich vom einen auf den anderen Moment sämtliche meiner Skills aus dem Uni-Sprachkurs hat vergessen lassen.

Auch das Publikum war vermutlich eine Mischung aus unterhalten und verwirrt. Einige davon tanzten und anderen konnte ich ansehen, dass sie zu verarbeiten versuchten, was dort auf der Bühne passierte.
Im Anschluss an den Auftritt stellte ich in einem Gespräch fest, dass ich die energetische Show der Band durchaus mochte, es sich im Verlauf aber ein Stück weit zog und die Geräuschkulisse mit der Zeit einfach immer absurder wurde. Am Merchstand ging die eine oder andere Platte über die Theke und als ich Grote Geelstaart im Nachgang noch einem befreundeten Musikproduzenten mit einem der wohl wildesten Musikgeschmäcker überhaupt empfahl, wurde dieser auf Anhieb zum Fan.
Während sich der Auftritt des Headliners FJØRT näherte, wurde das Gelände meinem Gefühl nach noch einmal deutlich voller. Noch während der vorab von Sänger und Gitarrist Chris eingesprochene Einspieler lief, der vor allem zu Umsichtigkeit auf dem Konzert aufrief, konnte ich die Drei beim Herumwuseln und Innehalten im Backstage beobachten.

Da ich ja nun schon diverse FJØRT Shows kommentiert habe und es mir mittlerweile immer schwerer fällt, diese noch auf eine neue Art und Weise zu beschreiben, kommen hier ein paar „Fun Facts“ zum Konzert:
- Davids Energieüberschuss: Wie so oft gab es auch hier eine Rollrampe hoch auf die Bühne, die sich während des Konzerts als interessanter Ort zum Fotografieren entpuppte… bis FJØRT kamen! Schon beim ersten Song wackelte da Ding durch die Sprünge von Bassist und Sänger David so sehr, dass ich dachte, ich fall im Verlauf des Abends vielleicht noch runter. Bin ich zum Glück nicht.
- Gratis Ventilator für den Pressegraben: Wussten die Fans in der ersten Reihe eigentlich schon, dass ihr wildes Headbanging im Pressegraben für ’ne Menge Wind sorgt? Ich hab das bei meinen Aufenthalten im Graben zeitweise voll genossen… auch wenn das bedeutete, dass ich aufpassen musste, nicht ständig von Haaren getroffen zu werden (was ich aber auch ganz witzig fand).
- Krasser Stimmungskontrast: Unter vielen FJØRT Shows hatte dieser Abend eine außergewöhnlich gute Chemie. Ich weiß nicht, ob es nur mir so ging, aber ich empfand die Stimmung der Band in Mastholte als besonders gelöst. Der starke Kontrast zwischen den eher schweren und düsteren Songs, den ernsten Ansagen und diversen Lachern tat mir unfassbar gut. Als ich dann während des Songs yin im Pressegraben saß, hatte ich umso mehr mit den Tränen zu kämpfen, weil ich begriff, wozu dieser ohnehin schon intensive Song in diesem Jahr schon geführt hatte.
- Ausbruch aus der Komfortzone: Wie bereits kurz angerissen, habe ich den Abend bewusst dazu genutzt, mich mal von meiner „sicheren Bank“ zu lösen. Während David eigentlich zweifelsfrei die meistfotografierte Person meiner bisherigen Fotografiegeschichte ist, habe ich mich an diesem Abend verstärkt der Beobachtung von Chris gewidmet, der aus meiner Sicht momentan von Show zu Show immer mehr aufblüht. Oder um es mit einem meiner absoluten Lieblings-Songs zu sagen, der ja leider momentan nicht auf der Setlist ist, während des Schreibens dieses Berichts aber in Dauerschleife lief: Wenn man so will, sind wir Komplizen…
- Der Konzertabend als ADHS: FJØRT-Fan Mirko brachte mich mit seinem kleinen Konzertbericht auf einen interessanten Gedanken, den man natürlich nur mit einem Augenzwinkern sehen sollte: Er beschrieb Grote Geelstaart nämlich als musikalische Verkörperung von ADHS.
Als Betroffene habe ich diesen Gedanken etwas weiter verfolgt und komme für mich persönlich zum Schluss, dass man den ganzen Abend ein Stück weit als ADHS-coded lesen könnte:
Grote Geelstart repräsentieren den unvorhersehbaren, ungezähmten und nach außen hin komplett hyperaktiven Vibe von unbehandeltem ADHS, der mit all der Reizüberflutung und der Liebe zum Detail möglicherweise sogar leicht ins Autistische schwappt.
FJØRT wirken dagegen zwar auf den ersten Blick ungezähmt, folgen aber im Vergleich einer weitaus vorhersehbareren musikalischen Struktur. Wer David auf der Bühne erlebt, mag seine Show vielleicht erst einmal für unkontrolliertes Chaos halten. Vielleicht ist das aber auch einfach nur sein ganz persönlicher Hyperfokus nach dem Motto „ganz oder gar nicht“. Die tiefgründigen Texte und die klare Haltung bei gleichzeitigen Zweifeln an sich selbst und der Gesellschaft erinnern mich daran, wie viele neurodivergente Menschen mit ihrer „Andersartigkeit“ und dem Verhalten ihrer Umwelt kämpfen. Die Texte werden zwar oft als Gefühlsausbruch geschrien, bleiben aber trotzdem in einem kontrollierbaren Rahmen.
Nach dem Konzert fühlte ich mich dann ein Stück weit überfordert vor Emotionen wie Dankbarkeit und Glück, aber auch aufsteigendem Stress in Bezug auf Erschöpfung und die Bearbeitung der Fotos. Ich sag’s wie’s ist: Ich hasse den Moment, wenn ein Konzert endet, das sich für mich wie ein absoluter Safer Space anfühlt.
Dass die Security auf solchen Events natürlich nur ihren Job macht und die Leute nach einer gewissen Zeit zum Ausgang schiebt, ist völlig klar. Ich kenne eben nur auch die andere Seite und den Wunsch, die Blase nach einer Show ein Stück weit länger festhalten zu wollen. Oft schwingt auch eine leise Hoffnung mit, noch kurz mit dem Artist zu reden und sich auf diese Weise ein Stück weit gesehen und geschätzt zu fühlen.
Am Ende überwog zumindest bei unserer kleinen Fahrgemeinschaft das wunderbar warme Gefühl, an diesem Abend zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Und wer hätte denn vorher ahnen können, dass dieser ausgerechnet auf einem Reitplatz in der ostwestfälischen Provinz liegt?
Fotos: FJØRT & Grote Geelstaart beim Getoese Festival Warm-Up 2026
Transparenzhinweis: Ich wurde von FJØRT bzw. dem Grand Hotel Van Cleef für dieses Konzert offiziell akkreditiert. Dieser Beitrag dient der Nachberichterstattung und ermöglichte mir einen (kostenfreien) Besuch der Veranstaltung. Abseits dieser Vereinbarung wurden keine Absprachen bezüglich der Beitragsinhalte getroffen. Sämtliche Veröffentlichungen zur Veranstaltung entsprechen meiner persönlichen Meinung.




