Conny bewegt sich als Rapper in einem Metier, wo Männlichkeit als wichtiges Statussymbol zählt. Und trotzdem bringt ihn das nicht davon ab, sich schon seit Jahren mit eher ungemütlichen Themen zu beschäftigen. Oder motiviert ihn vielleicht sogar genau das dazu?
Mit Manic Pixie Dream Boy, Vol. 3 als finaler Teil einer Trilogie führt Conny seine Auseinandersetzung konsequent zu Ende. Diese erzählt keine Geschichte im herkömmlichen Sinne, sondern ist eine Sammlung Gedankengängen, die sich im Laufe der Zeit so entwickelt haben. Der Manic Pixie Dream Boy wurde ganz bewusst entworfen: Stell ihn dir am besten als eine Mischung aus deinem zukünftigen Ich, einem Ich in einer besseren Gesellschaft frei von patriarchalen Strukturen und einer Art Freund vor, den man sich als junger Mensch vielleicht gewünscht hätte. Er hört zu, reflektiert, gesteht Fehler ein und bleibt trotzdem nicht stehen.
Rückblickend fühlt es sich fast absurd an, dass ich dieses Album nicht früher gehört habe. Nicht, weil ich Conny nicht kannte, sondern weil ich ihn lange nicht konsequent verfolgt habe. Dabei positioniert er sich schon seit Jahren klar gegen toxische Maskulinität – und das möglichst sichtbar, hörbar und unbequem. Ob nach Außen hin mit lila Haaren und lackierten Fingernägeln oder eben vor allem in Form seiner Musik. Seit ich bemerkt habe, dass Conny früher mit Künstlern wie 3Plusss und Sorgenkind unterwegs war, ergibt für mich auch der Soundkontext mehr Sinn – insbesondere Parallelen zu 3Pluss sind für mich seitdem nur noch schwer überhörbar.
Conny beschränkt sich auf Manic Pixie Dream Boy, Vol. 3 zum Glück nicht darauf, nur andere Männer zu kritisieren. Selbstkritisch benennt und reflektiert er seine eigenen früheren Verhaltensweisen, blinden Flecken und Unwissenheit. Damit stellt er eine ganz wichtige Sache klar: Entscheidend ist, ob man reflektiert, dazulernt und Konsequenzen zieht. Und genau das passiert hier meiner Meinung nach.
Ein Schlüsseltrack dafür ist Duolingo. Der Song handelt nicht nur vom kleinen grünen Vogel. Inhaltliches Zentrum des Songs ist eher etwas, das erschreckend banal klingt und gleichzeitig extrem viel über die eigene Sozialisation verrät: Für alles Worte in großer Anzahl zu haben, für die eigenen Gefühle aber nicht. Fragen wie
Wie nennt man das, wenn du Angst hast,
doch die Homies steh’n daneben?
wirken im ersten Moment simpel, legen aber den Finger in eine Wunde, die viele Männer kennen dürften. Emotionale Sprachlosigkeit ist kein individuelles Versagen. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das Männern früh beibringt, bestimmte Gefühle weder zu benennen, noch zu zeigen… und erst recht nicht ernst zu nehmen.
Gleichzeitig provoziert Conny stellenweise auch sehr bewusst. Der Song Männerlimit ist dafür wohl das offensichtlichste Beispiel. Wer bei Lyrics wie
Frauenquote nein,
Männerlimit ja,
fast jeder zweite Mensch ist keine Frau,
ist dir das klar?
reflexartig Schnappatmung bekommt, sollte vielleicht genau dort kurz innehalten und nachdenken. Denn hier geht es nicht um plumpe Provokation oder sogar Männerhass, sondern um eine wichtige Perspektive im Blick auf unsere Gesellschaft: Gleichstellung ist nämlich trotz vieler anderslautender medialer Darstellungen kein reines „Frauenproblem“. Es reicht nicht, Frauen besser zu fördern oder sie an bestehende Strukturen anzupassen. Es sollte vielmehr ein Fokus darauf liegen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und zu durchbrechen. Denn wenn Männer in vielen Bereichen massiv überrepräsentiert sind, liegt das nur selten an purer Leistung. Unsichtbare Vorteile, Netzwerke und Erwartungen spielen eine enorme Rolle. Wer das ignoriert, verteidigt nicht Neutralität, sondern einen unfairen Status quo.
In Zahnpastalippen richtet sich die Kritik explizit auch gegen die eigene und vermeintlich progressive Szene. Die Rede ist hierbei von linken Männern, die sich nach außen hin „woke“ geben, weil sie bestimmtes Vokabular nutzen, ihr sonstiges Verhalten aber nicht reflektieren. Es geht um Männer im Feminismus-Cosplay, die ihre vermeintliche Aufgeklärtheit nutzen, um trotzdem übergriffig zu sein. Fortschrittliche Sprache und Nagellack allein schützen nicht vorm Tätersein.
Ebenso wichtig ist Connys Kritik an der Kommerzialisierung von Widerstand, etwa wenn Self-Care, Achtsamkeit oder politische Haltung zu reiner Ästhetik verkommen. Auch der Satz nicht alle Männer wird hier klar als das entlarvt, was er oft ist: ein Selbstschutzmechanismus und bequemer Weg, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Wer sagt ich bin nicht so, ohne das System mitzudenken, profitiert weiterhin von genau diesem. Das ist als Mann natürlich super angenehm, aber vor allem feige.
Durch das Album zieht sich ein klarer Appell: Männer müssen andere Männer konfrontieren. Die Diskrepanz zwischen der Zahl der Überlebenden von Übergriffen und der angeblichen Abwesenheit von Tätern ist absurd. Täter sitzen mit uns am Tisch, im Büro, im Freundeskreis. Auch in linken Räumen und ja – auch dort, wo man sich gern als „die Guten“ versteht und gegenseitig auf die Schultern klopft.
Manic Pixie Dream Boy, Vol. 3 ist kein angenehmes Album und will es auch nicht sein. Es ist unbequem, selbstkritisch und schmerzhaft ehrlich. Und vielleicht hätte es genau deshalb nicht früh genug erscheinen können – für eine Gesellschaft, die immer noch so tut, als wäre Gleichstellung ein Randthema oder bereits erledigt. Der Manic Pixie Dream Boy hat jedenfalls seinen Zweck erfüllt. Die Figur darf gehen, aber die Verantwortung bleibt.


