Rezension: All Time Low – Everyone’s Talking

Veröffentlicht: 10. Januar 2026 Letzte Aktualisierung: 2. Februar 2026

Pop-Punk begleitet mich seit vielen Jahren. Ich höre das Genre nach wie vor gern, aber mein Musikgeschmack ist über die Zeit deutlich vielfältiger geworden. Dadurch passiert es ganz automatisch, dass bestimmte Bands oder Genres eben für eine Weile weniger präsent sind. Nicht, weil ich sie nicht mehr mag, sondern weil sie im Strom anderer Musik schlicht in den Hintergrund rücken. Das ändert sich bei mir immer wieder individuell nach Lebensphase, Stimmung und Alltag.

Und da passen All Time Low ganz gut rein: Ich kannte die Songs, mochte den Sound und hatte dieses klare Ja, kenn ich, mag ich-Gefühl – konnte die Band aber oft nicht sofort namentlich benennen. Sie liefen auf meinen Playlists, ohne dass ich sie jedes Mal bewusst verortet oder auseinandergehalten hätte. Der Wiedererkennungswert war da, die bewusste Zuordnung nicht immer.

Und dann kam dieser eine kleine Moment, der alles wieder deutlich bewusster nach vorne geschoben hat.

Wie mich ein GeoGuessr-Caster zurück zu All Time Low brachte

Ich sah ein Video von ProjectBloom, einem GeoGuessr-Caster, der verschiedene Turniere kommentiert und zum Teil sogar selbst durchführt. Eine der Mitspielenden hieß Marie. Und ganz nebenbei, fast schon reflexartig, sang er kurz den Beginn von Dear Maria, Count Me In. Einfach so. Der Effekt bei mir war sofort da. Ich hatte einen tagelangen Ohrwurm und dachte mir: Ach stimmt, All Time Low.

Kurz darauf kam mein Freund auf mich zu und meinte, die Band würde bald ein neues Album veröffentlichen. Er würde im Rahmen dessen gern wieder zu einem Konzert von All Time Low gehen und fragte daher, ob ich mitkommen wolle. Er ist deutlich stärker im klassischen Pop-Punk verankert als ich. Er liebt das Tempo, den Druck und dieses permanente Nach-vorn-Gehen, das dem Genre oft innewohnt.

All Time Low – Everyone’s Talking: Zwei Perspektiven, ein Album

Als Everyone’s Talking erschien, zeigte sich ziemlich schnell, dass wir sehr unterschiedlich darauf reagieren würden.

Mein Freund war zunächst eher verhalten begeistert. Ihm fehlten an einigen Stellen Geschwindigkeit, Kanten und dieses kompromisslose Pop-Punk-Gefühl, das keine Pause kennt und das er normalerweise von All Time Low gewohnt ist. Bei mir war es genau umgekehrt. Mir gefiel das Album auf Anhieb deutlich besser als einige der anderen Releases der Band und dieses Gefühl verstärkt sich sogar mit jedem Play noch ein Stückchen mehr.

Was uns beiden am Genre grundsätzlich gefällt, ist dieses „fuck it“-Gefühl: Dinge laufen scheiße, aber egal, denn wir machen trotzdem weiter. Everyone’s Talking transportiert genau das, nur auf eine andere Art. Weniger Dauerstress, mehr Luft zum Atmen. Und genau das kommt mir sehr entgegen, weil mich an manchem Pop-Punk die permanente Hochgeschwindigkeit auf Dauer eher ermüdet als mitnimmt.

Der namensgebende Song Everyone’s Talking bringt für mich passenderweise das grundlegende Gefühl auf den Punkt, welches das Album für mich ausmacht: Er hat Tempo, aber gleichzeitig diesen poppigen Einschlag, der sofort gute Laune macht. Kein Druck, kein übertriebenes Getriebensein. Eher ein Song, der sich leicht anfühlt, ohne belanglos zu werden.

Bei Oh No! meinte mein Freund spontan, das könne auch ein Ed Sheeran Song sein. Und nein, das war nicht einmal negativ gemeint – es entsprach nur nicht seiner Erwartung an Pop-Punk von All Time Low. Ein Zitat aus dem Song erinnert mich dabei sogar an Musik aus einem völlig anderen Genre:

But if I’m not broken like I used to be
Will you still find me interesting?

Passend dazu kam mir auf Anhieb Once I fix me, he’s gonna miss me aus Taylor Swifts My Boy Only Breaks His Favorite Toys in den Sinn. Die Angst, dass Heilung langweilig macht und dass Schmerz Teil der eigenen Identität geworden ist. Und das so sehr, dass man sich fragt, ob man ohne das eigene Chaos überhaupt noch interessant ist – für andere, aber auch für sich selbst. Gerade in Musik-Kreisen kommt es noch häufiger vor, dass man sagt, XY habe etwa die besten Songs über Trennungen und Schmerz geschrieben und die glückliche Version wäre hingegen zu banal und langweilig.

Was mich ebenfalls extrem packt, ist Viva Las Vagus Nerve. Für manche wirkt der Song vielleicht oberflächlich. Ja gut, sollen sie doch froh sein. Der Titel ist ein brillantes Wortspiel. Der Vagusnerv reguliert zentrale Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Stressverarbeitung. Und genau darum geht es hier: Überforderung, Reizüberflutung, Flucht… und dieses verzweifelte Bedürfnis, dass jemand sagt: Es wird schon gut. Gerade das fast mantrahaft wiederholte La la la la, lie to me fühlt sich für mich wie Selbstberuhigung und ein Versuch an, das Nervensystem aktiv runterzufahren.

Ich habe eh schon irgendwie das Gefühl, dass mich dieses Album erdet, wenn ich gestresst bin. Und im Zusammenspiel mit Viva Las Vagus Nerve ergibt das plötzlich extrem viel Sinn.

Sugar hat mich zunächst irritiert, vor allem wegen der zweiten Stimme. Ich habe an vieles gedacht, sogar an Bands wie Sleeping With Sirens, aber definitiv nicht an JoJo. Es ist cool, sie hier wieder zu hören, auch wenn der Song für mich nicht zu den stärksten Momenten des Albums zählt.

Auch Bubblegum hat mein Herz im Sturm erobert, nicht zuletzt durch so smarte Zeilen wie

Got no time for bittersweet
Like symphony

Diese Anspielung auf Bittersweet Symphony von The Verve ist clever, ohne gewollt zu wirken. Der Song ist wieder etwas langsamer, dabei fast hymnenhaft, überraschend „La-La-La“-lastig und damit hat vielleicht erneut mein Nervensystem über meinen Musikgeschmack entschieden. Spannenderweise handelt es sich hier um einen Song, der wie Zucker wirkt und für den Moment hilfreich erscheint, während im Hintergrund längst klar ist, dass das eigentliche Problem damit nicht gelöst wird.

Im direkten Vergleich bringt Little Bit da wieder deutlich mehr Energie rein. Der Sprechgesang im Vers wirkt fast grungy, bevor der Song in einen extrem melodischen Refrain kippt. Inhaltlich geht es passend zu diesem musikalischen Eindruck um ständige Unzufriedenheit und ein inneres Getrieben-Sein, das nie ganz zur Ruhe kommt. Dieses „immer noch ein bisschen mehr“, egal ob es um Aufmerksamkeit, Bestätigung, Reize oder Selbstoptimierung geht. Das lyrische Ich weiß, dass es zu viel und ungesund ist und macht trotzdem weiter.
Auch hier wiederholt sich das Narrativ, dass man besser funktioniert, wenn man kaputt ist. Dass Menschen einen spannender finden, wenn man leidet. Dass man im Zweifel lieber ausbrennt, solange man dabei wenigstens kurz leuchtet:

They like you better when you’re fucked up having fun
If I burn out, oh well, at least I touched the sun

Little Bit ist damit offenes Eingeständnis: Ich weiß, dass das hier schief läuft, aber ich weiß gerade auch nicht, wie ich aussteige.

Butterflies stellt für mich den bestmöglichen Schlusspunkt des Albums und zugleich eine gute Lehre für mein eigenes Leben dar: Der Song handelt von Beziehungen, die sich gut anfühlen sollen, es aber längst nicht mehr tun. Von Gut-Wetter-Freundschaften, die bleiben, solange es leicht ist, und verschwinden, sobald es kompliziert wird.
Was mich daran besonders packt, ist diese Mischung aus Klarheit und Müdigkeit. Nicht jede Nähe ist echt. Und nicht jede Verbindung verdient es, gehalten zu werden. Passend geht das Instrumental weniger nach vorn als andere Songs, wirkt dabei rhythmisch gesehen bewusst gebremst und geerdet. Der Song funktioniert so gut als Abschluss des Albums, weil er musikalisch und lyrisch gesehen einen unaufgeregten Schlussstrich zieht.

Die Refrains auf Everyone’s Talking erscheinen meist groß und eingängig, aber sie arbeiten nicht ständig mit maximalem Druck. Die Songs entfalten ihre Wirkung über Wiederholung und Melodieführung. Man merkt oft erst nach dem zweiten oder dritten Hören, wie fest sie sich gesetzt haben. Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Albums von All Time Low: Es schreit nicht unnötig und drängt sich nicht auf. Stattdessen bleibt es und wächst mit jedem Durchlauf ein kleines Stück weiter.

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