Für mich gibt es keine Guilty Pleasures. Das versuche ich mir zumindest immer wieder klarzumachen. Was ich mag, geht erst einmal nur mich etwas an. Dennoch muss ich gestehen, dass es mir nicht immer so leicht fällt, wirklich komplett zu dieser Haltung zu stehen. Der Druck von außen kann groß und einschüchternd sein. Ob Silbermond, Nevada Tan/Panik, Mark Forster oder Taylor Swift – wegen meines Musikgeschmacks habe ich mir schon oft Sprüche anhören müssen. Manchmal hinterlässt das mehr Spuren, als mir lieb ist. Trotzdem finde ich die Alternative persönlich noch deutlich schlimmer: mich aus einer performativen „Coolness“ heraus bei Dingen zu verbiegen, die mir eigentlich Freude bereiten.
Wie meine Familie meinen Musikgeschmack prägte
Meine musikalische Sozialisation startete, wie sicher bei den meisten Leuten, in meinem familiären Umfeld. In meinem Fall prägten mich vor allem zu Beginn meine zwei älteren Brüder, die 1986 und 1988 geboren wurden.
Vom einen kam ein bunter Mix aus t.A.T.u., Linkin Park, Bushido, Prinz Pi (als er noch einen anderen Namen trug) und einer etwas wilden Szene rund um Rap am Mittwoch.
Dem anderen habe ich neben einigen politischen Grundwerten einen gottlosen Ohrwurm der Unplugged-Version des Songs Monsterparty von den Ärzten zu verdanken, der mich bis heute manchmal noch heimsucht. Was uns darüber hinaus verbindet, ist seine damalige Sammlung an CDs des Schweizer Musikers DJ BoBo: tanzbare Eurodance- und Pop-Ohrwürmer mit guter Energie. Texte, die literarisch zwar niemanden umhauen, aber für Weltoffenheit, Respekt vor sich und anderen, Liebe… und auch mal einen Hund stehen.
So kam es auch, dass mein Bruder eines Tages bei unserer örtlichen Lokalzeitung Tickets für ein Konzert von DJ BoBo gewann. Damit er dieses besondere Erlebnis überhaupt wahrnehmen konnte, machten wir einen kleinen Familienausflug daraus. Besonders praktisch: Kinder unter sechs Jahren hatten damals freien Eintritt. Ich war fünf.
Auch wenn sich meine Familie bis heute nicht ganz einig ist, ob das wirklich meine erste Begegnung mit Live-Musik war oder ich vorher schon einmal Die Puhdys gesehen habe, bleibt es zumindest meine erste bewusste Erinnerung an ein Konzert.
Ein paar Jahre später hätte es fast noch eine zweite Gelegenheit gegeben. Ein von einem örtlichen Radiosender organisiertes Festival in meiner Heimatstadt. Dieses Artefakt der späten 90er und frühen 2000er trumpfte mit Acts wie Captain Jack, Niemann (dessen Hit damals, ich vermute das mal laut, tatsächlich nur „im Osten“ so einschlug), Mr. President und Jürgen Drews auf. Wenn mich meine Erinnerung mich nicht zu sehr in die Irre führt, dann lachte uns Jürgen Drews irgendwie dafür aus, dass er auf einer überdachten Bühne stand, während wir zu Regen und Gewitter auf einem Berg seine Show verfolgten. Und genau zu diesem Fiebertraum an Festival war eigentlich auch DJ BoBo angekündigt. Leider musste er allerdings aus irgendeinem Grund absagen, weshalb er durch eine Girlgroup namens 4 Unique ersetzt wurde, von der ich danach auch nie wieder etwas gehört habe. Also so versucht es mir jedenfalls mein Gedächtnis zu verkaufen…
Im Jahr 2025 erhielt ich dann meine ADHS-Diagnose mit Verdacht auf Autismus. Seitdem beschäftige ich mich viel mit meiner Vergangenheit und versuche insgesamt, gnädiger mit mir zu sein. So stieß ich natürlich auch mal wieder auf DJ BoBo und meine Erinnerungen an die diese Zeit und sprach mit meinem Freund darüber. Obwohl er wie mein Bruder im Jahr 1988 geboren wurde, kannte er von DJ BoBo gefühlt nur den Song Chihuahua. Und trotzdem sprachen wir irgendwo auf einem schmalen Grat zwischen Scherz und Ernst darüber, ob wir nicht mal zusammen auf ein Konzert des Schweizers gehen wollen.
Im Mai 2026 hing ich dann mal wieder in einem ziemlich heftigen autistischen Meltdown rund um den Erwerb von Konzerttickets fest, als mein Freund mir plötzlich freudestrahlend zwei Karten für DJ BoBo in Dortmund überreichte. Er hatte die Tickets schon länger und einfach auf den richtigen Moment gewartet, sie mir zu geben. Das Konzert sollte in weniger als zwei Wochen stattfinden, also tatsächlich nur 20 Tage vor dem 27. Jahrestag meines ersten DJ BoBo Konzerts.
Nach dem vorangegangenen Meltdown war ich erst einmal in einer Art Schockstarre und konnte das alles nicht richtig einordnen. Gleichzeitig war da aber auch Vorfreude, wieder für einen Abend ein Stück in die alte Zeit einzutauchen.
Zwischen Merch und Kiss Cam
Dann war es soweit. Der 7. Juni 2026. Auf der Fahrt nach Dortmund sprachen mein Freund und ich noch über unsere Erwartungen. Wir verglichen es schlussendlich ein bisschen mit dem Eurovision Song Contest: große Inszenierung, völlig überdreht, ein bunt gemischtes Publikum quer durch alle Generationen und eigentlich eine ziemlich wholesome Erfahrung, nur wollen das wahrscheinlich viele kaum offen zugeben.
Die Anfahrt und auch der Einlass verliefen absolut reibungslos. Der erste Blick zum Merch-Stand bereitete mir schon ein Stück weit Gänsehaut, als ich dort alte CDs erblickte, die ich direkt aus dem Jugendzimmer meines Bruders wiedererkannte.

Der Showbeginn war für diesen Sonntag für 19 Uhr angesetzt. Endlich mal ’ne vernünftige Zeit, danke! Wir suchten schon recht früh unsere Plätze auf. Für meinen Freund ist es in den Rängen der Westfalenhalle mit knapp 1,90 m Körpergröße schon etwas beengt, aber noch machbar. Was mir aus logistischer Sicht direkt ganz gut gefiel: Aus Block 204 war es ein kurzer Weg zum nächsten Getränkestand. Das erwies sich als echter Vorteil, weil es bereits vor Showbeginn schon ordentlich warm war und sich ohne Getränk vermutlich mein Kreislauf verabschiedet hätte. Und auch die Damentoiletten waren praktischerweise schnell erreichbar. Mein Freund musste zur Toilette dagegen den kompletten Weg nach unten auf sich nehmen.
Während sich die Location immer weiter füllte, bekam ich natürlich auch mal mit, worüber sich so die Leute in unserer direkten Umgebung unterhielten. Aus der Reihe neben uns hörte ich daher, dass jemand ein Udo-Lindenberg-Konzert in schlechter Erinnerung hatte, weil Leute an ihren Sitzplätzen standen. Eine Debatte, bei der ich mich bis heute keiner klaren Seite zuordnen kann, weil beide absolut valide Punkte haben. Heute war das alles aber ohnehin keine Frage, da es ausschließlich Sitzplätze gab.
Kurz vor Beginn gab es eine Durchsage auf Band von DJ BoBo selbst. Darin ließ er das Publikum unter anderem wissen, dass das Fotografieren und Filmen der Show und das Teilen auf allen möglichen Plattformen ausdrücklich erwünscht sei. Von jemandem, der seine ersten Bühnenjahre noch ganz ohne Social Media bestritten hat, empfand ich das echt als guten Marketing Move.
Knapp zehn Minuten vor Showbeginn folgte dann noch etwas, das ich sonst eher aus irgendwelchen Kurzvideos aus dem Internet kenne: Auf den Leinwänden wurden zu bestimmten Songs Kiss Cam, Dance Cam und Sing Cam eingeblendet. Die musikalische Untermalung konzentrierte sich größtenteils auf typische Hits der 90er.

Dadurch entstanden so ikonische Momente wie als eine Teenagertochter zwischen ihren Eltern saß und diese plötzlich in der Kiss Cam landeten. Den Rest kannst du dir sicher denken. Insgesamt war es einfach nur herzerwärmend, wie selbst die ruhigsten Menschen im Saal plötzlich mitmachten und das Publikum die Aktionen lautstark feierte. Der Kameramann heizte das Ganze dann noch ein wenig mit kleinen Mitsing- und Laola-Spielchen an, und ehe man sich versah, begann auch schon die Show.
Ab ins Great Adventure
Wer sich vorher auch nur mal kurz mit DJ BoBo beschäftigt hat, der weiß sicher, dass seine Shows von großen Bühnenbildern und einer annähernd theatralischen Inszenierung leben. Und so war es natürlich auch dieses Mal wieder: Das Bühnenbild bestand aus einem mehrstöckigen Aufbau, der Treppen als festes Element integriert hatte, die sogar stellenweise eindrucksvoll beleuchtet wurden. Die Band war gut sichtbar platziert und es gab auch einen Steg nach vorn ins Publikum.
Besonders beeindruckend fand ich auch, wie massiv sich der gesamte Look allein durch die Anstrahlung verändern konnte, Szene für Szene, Block für Block. Dazu Figuren an den Bühnenrändern, für die mir ehrlich gesagt ein Stück weit die Worte fehlen. Insgesamt hatte das alles mal wieder etwas von einer Freizeitpark-Ästhetik, was angesichts BoBos Kooperation mit dem Europapark und der dortigen The Great Adventure VR Experience keine allzu schlechte Assoziation ist.
Der Bass wummerte von Anfang an ordentlich durch die Halle. Ich spürte ihn zeitweise in meinem kompletten Körper und liebte es. Die Setlist fühlte sich an wie eine Art Eras Tour, nur eben ohne die Aufsplittung nach Alben. Stattdessen wechselten sich geschickt neuere Songs mit absoluten Nostalgie-Hits ab. Auch wenn mir einige neuere Auflagen bekannter Songs durch ihre etwas zu schlagereske Ausrichtung ein bisschen befremdlich vorkamen, machte das alles schon verdammt viel Spaß.
Mit diesem Gefühl war ich dann zum Glück auch nicht allein: Wo ich vorher noch dachte, dass sich die Menschen sicher kaum aus den Sitzen bewegen würden, riss es die Leute gerade bei den tanzbaren Hits immer wieder nach oben. Ganz besonders amüsierte mich dabei derjenige, der vorher noch die Udo-Lindenberg-Geschichte erzählt hatte. Ich hatte nämlich immer wieder Blicke von ihm in unsere Richtung weg von der Bühne bemerkt und hoffe ein Stück weit, dass ich ihn mit meiner ausgelassenen Art vielleicht ein kleines bisschen angesteckt habe. Im Verlauf der Show tanzte auch er bald strahlend vor sich hin.
DJ BoBo sprach zwischen den Songs auch immer wieder mit dem Publikum. So hielt uns etwa dazu an, sich kurz mit den Leuten um sich herum bekannt zu machen. Natürlich stellte er auch seine Band mitsamt Sängerinnen und Sänger vor. Besonders positiv blieb mir neben seiner Frau Nancy vor allem Sänger Jesse Ritch im Kopf. Was für krasse Stimmengewalten! Auch die wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer bekamen ihre eigenen Spotlights. Und dann kamen auch noch Jugendliche von Dance4Fans auf die Bühne. Was für ein unerwartetes Flashback!
Falls dir das nun nichts sagen sollte: Dance4Fans ist ein vom Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband entwickeltes Tanzprogramm, bei dem Choreografien aus Musikvideos verschiedenster internationaler Acts erlernt werden können. Genretechnisch sind der Sache kaum Grenzen gesetzt: Hip-Hop, Streetdance, Jazz Dance, K-Pop… möglich ist, was Spaß macht. Und auch in Sachen Alter ist das Programm offen und richtet sich ausdrücklich an Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene mit und ohne vorherige Tanzerfahrung. Dabei gibt es sogar immer mal wieder Chancen auf Plätze als Background-Tänzer*innen im Fernsehen, bei Live-Auftritten und Musikvideo-Produktionen. Seit 1999 finden sogar Dance4Fans Contests mit regionalen Qualifikationen und Deutschen Meisterschaften statt. Schade, dass es bei mir in der Nähe kein entsprechendes Angebot gibt, sonst stünde das vielleicht heute als Erfüllung eines Kindheitstraums auf der Liste meiner ausgeübten Hobbys.
Doch zurück zur Show. Diese brachte echt immer wieder Momente, bei denen ich kurz nicht glauben konnte, was da eigentlich passierte. Ein Beispiel gefällig? An einem Punkt des Abends wurden blaue Turnmatten auf dem Steg platziert. Also quasi der Stoff, aus dem meine Schulsport-Alpträume gemacht waren. Dort performte DJ BoBo den Song Kings and Queens, während links und rechts von ihm talentierte Turnerinnen mit synchronen Schwingungen, Drehungen und Salti ihr Können an den Schaukelringen bewiesen.
Genauso staunend ließ mich der Auftritt einer Person in einem discokugelartigen Anzug zurück, die weit oben in der Luft hing, dort elegant posierte und dabei die tollsten Lichtpunkte in die gesamte Halle reflektierte. Das sieht auf den ersten Blick vielleicht simpel aus, erfordert aber eine extrem krasse Körperspannung und Körperkontrolle.
Was mich bei einer Produktionsgröße mit über 100 Leuten Backstage und knapp über 30 auf der Bühne wirklich überraschte: Nicht alles war durchtechnisiert. Bei Shadows of the Night etwa wurde eindrucksvoll mit Stabfiguren inszeniert, die in Form von Geisterskeletten förmlich über den Steg schwebten. Und bei einem anderen Song wurden mittels Tüchern, Licht und Windmaschine Effekte erzeugt, die zeitweise regelrecht an eine Lasershow erinnerten.
Dazwischen schwelgte DJ BoBo in Erinnerungen und erzählte seine persönliche Geschichte mit Musikerin Kim Wilde und einem BRAVO-Starschnitt. Eine wirklich schöne Einleitung zu I Believe.
Wie ausgelassen ich die Show genießen konnte, zeigte sich vielleicht am deutlichsten bei Pray: Irgendwann hatte ich das Muster der Feuer-Fontänen verstanden und riss im passenden Timing mitsingend die Arme hoch, als würde ich das Feuer selbst beschwören. Echte Macht über das Publikum hatte dann allerdings DJ BoBo selbst: Er stiftete irgendwann eine Handylicht-Laola an, steuerte die Halle mit sichtlicher Freude und schien sich zeitweise selbst am meisten bei seinen Versuchen zu amüsieren, die Leute mit unvorhersehbaren Twists ein Stück weit reinzulegen.
Den Song Sombrero, nutzte ich dann als Gelegenheit für eine schnelle Toilettenpause ohne Warteschlange. Und während ich auf dem Rückweg die ersten Klänge von Chihuahua vernahm, rannte ich so voller Adrenalin durch die Gänge, dass ich einem völlig fremden Mann im Gang einfach CHIHUAHUA! entgegenrief und mich anschließend schnell in meinen Block verzog. Ich würde mal vorsichtig behaupten, dass das Dinge sind, die man sonst eher selten macht. Ansonsten habe ich dem Song auch noch ein kleines humoristisches Reel gewidmet, aber sieh einfach selbst. Sollte ich nachträglich noch weitere Reels zum Abend veröffentlichen, füge ich sie hier natürlich nachträglich auch hinzu.
„Einmalig laden“ gilt nur jetzt, der Schalter für die gesamte Website.
Und als wäre das alles nicht schon verrückt genug gewesen, schwang dann gegen Ende des Konzerts auch noch ein knapp 28 Meter breiter Adler seine Flügel über der Bühne. Ja was man halt so macht, wenn man DJ BoBo heißt…

Wer sich also fragt, ob man sich auch mal wohin trauen sollte, wofür einen andere vielleicht verurteilen könnten: Mach’s einfach. Das Leben ist zu kurz, um sich für sowas zu schämen.









